Kolumne: Über private Papierfriedhöfe

Meine Finger fahren über die endlosen Reihen der mal weichen, mal harten, mal liebevoll in Stoff und mal lieblos in Hochglanzpapier gewickelten Bücherrücken und können sich nicht entscheiden. »Kennich, kennich, kennichnicht, aberistbestimmtehlangweilig« lispeln meine Lippen das altbekannte Lied. Dicht an dicht quetschen sich Meisterwerke großer Dichterfürsten neben billigste Schundliteratur und das alles ohne erkennbares System. Eines haben viele meiner Bücher jedoch gemeinsam: dass ich sie nie las. Nicht aus Böswilligkeit oder Faulheit, nein. Ich kaufe schneller Neues als ich Altes lesen kann.

»Statussymbol der Intellektuellen« und »Bildungsprotzerei«, so diffamierte ze.tt-Redakteurin Josefine Schummeck im letzten Monat die Papierfriedhöfe der Nation. Man solle ausmisten und sich endlich eingestehen, dass viele Bücher eh nur unter Staubschichten erstickten, ohne je gelesen zu werden.

Na und? Ich finde das überhaupt nicht schlimm. Klar plagt mich manchmal das schlechte Gewissen, wenn ich so wie jetzt versuche, mich für eins meiner vielen mir noch unbekannten Bücher zu entscheiden, aber eigentlich genieße ich diesen Luxus dieser schier unendlichen Auswahlmöglichkeiten. Solange die Bretter meines treuen Billys nicht brechen, sammle ich fröhlich weiter.


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Simon Oppermann

 


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