Kolumne: Über Lesekultur

Lesen gilt seit jeher als noble Beschäftigung. Das rührt aus Zeiten, als Analphabetismus nicht die Ausnahme, sondern die Regel und Bildung der gehobenen Klasse vorbehalten war. Wer nicht die Zeit fand, sich durch seine repräsentative Bibliothek zu lesen, ließ die Diener die Bücher so bearbeiten, dass diese einen gelesenen Eindruck machten, Eselsohren und Fettflecken inklusive. Der Zweck des Buches, nämlich dass es gelesen wird, wurde so jedoch vollkommen verfehlt.

Heute können in Deutschland fast alle Erwachsenen mehr oder weniger gut lesen. Und was es alles zu lesen gibt! Die Auswahl ist immens. Das hat jedoch zur Folge, dass lesen nicht mehr gleich lesen ist. Wer sich mit sogenannter »leichter Kost« erwischen lässt, erntet von Menschen, die »Klassiker« bevorzugen, ein herablassendes Lächeln. Umgekehrt gelten diese als weltfremde Snobs, die sich lieber mit dem »echten Leben« auseinandersetzen sollten.

Wir lernen in der Schule lesen und schreiben, um im Alltag zu bestehen. Lesen als Hobby ist aber nicht besser oder schlechter als andere Freizeitvergnügen und sollte vor allem eines sein: Genuss. Wenn’s also schmeckt, dann ist das Grund genug. Das mögliche Naserümpfen anderer darüber, WAS man liest, kann man getrost ignorieren.


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Sonja Dietschi

 


 

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