Kolumne: Luther, Leipzig und das Leben

Über seine Spuren und Parallelen im Hier und Jetzt der jungen Generation.

Schreibt man über Martin Luther und die Reformation, sollte man wohl die 95 Thesen, Luthers Dasein als Mönch, die Wartburg, die Übersetzung der Bibel und die Entstehung der evangelischen Kirche erwähnen. Doch wenn schon so ein verstaubtes Thema wie die Reformation in diesem Jahr zum 500. Mal gefeiert wird, Schwerpunkt der Buchmesse und Inhalt zahlreicher Bücher ist, will ich hier den Fokus auf jene Aspekte legen, die das Thema für uns lebendiger und interessanter machen.

Schließlich war Martin Luther zunächst ein normaler junger Mensch wie wir auch, irgendwie auf der Suche nach Lebenssinn und nach sich selbst. Gebildet, wissensdurstig, neugierig. Zum Studieren zog er weg von zuhause in eine andere Stadt, nach Erfurt. Dort brach er jedoch nach zwei Jahren sein Jurastudium ab und widersetzte sich damit dem Willen seines Vaters. Ihn quälten philosophische Fragen und zudem ein verschultes Studium. Religion hatte damals, im 16. Jahrhundert, einen hohen Stellenwert, doch Luther beschäftigte sich eingehender mit dem Glauben und der Kirche als viele seiner Kommilitonen. Er fing ein Theologiestudium an und beschloss bald, Mönch zu werden. Luther setzte sich in hohem Maße mit sich selbst auseinander, er suchte tiefgründige Gespräche und manchmal sogar seelsorgerliche Hilfe. Er stand zu seinen Überzeugungen so wie zu seinen Zweifeln, und war stets authentisch. Problematisch nur, dass er davon überzeugt war, die mittelalterliche Theologie korrigieren zu müssen …

Straßenschild in der Leipziger Innenstadt. © Leoni Brach
Straßenschild in der Leipziger Innenstadt. © Leoni Brach

Luther forderte sie alle heraus: Professoren, Kirchenvorsteher, den Kaiser. Der verhängte 1521 die Reichsacht über ihn und gefährdete damit Luthers Leben. Was folgte? Eine inszenierte Entführung auf die Wartburg, wo Luther schließlich das Neue Testament übersetzte. Seine Schriften wurden verboten, ebenso seine Vorlesungen – er war mittlerweile selbst Professor. Die 95 Thesen, die er angeblich an die Kirchentür schlug, dienten ihm ursprünglich nur als Vorbereitung für ein Gespräch an der Uni. Luthers Meinung nach waren sie nicht der richtige Weg, das Volk zu lehren. Er war, was das Schreiben anging, stets um den richtigen Ausdruck bemüht Besonders seinen Bibelübersetzungen ging detaillierte Recherche voraus.

Ein interessanter Aspekt für uns Germanisten und Sprachliebhaber: Luthers Sprachbegabung und sein Interesse an Literatur. Er liebte die deutsche Sprache und versuchte, die gefühlsmäßige Seite zum Ausdruck zu bringen. Seine Schriften sprachen gleichermaßen Verstand und Emotionen an. Sie waren für jedermann verständlich. Es war Luthers Ziel, sozusagen auf Augenhöhe zu schreiben. Das bedeutet, er vermied den mitteldeutschen Dialekt sowie Abstraktion und Passivität. Seine Bibelübersetzungen richteten sich nach der Ausdrucksweise der Leute. Er setzte sich also auch mit seinen Mitbürgern auseinander.

Für Luther spielte außerdem Freundschaft eine wichtige Rolle, und in Philipp Melanchthon fand er einen verlässlichen Weggefährten. Seine Beziehung zu Desiderius Erasmus erwies sich als komplizierter. Ihm missfiel die schroffe und direkte Art Luthers. Der hingegen verachtete Erasmus’ Bedürfnis, nirgends anzuecken. Er selbst war zu konsequent, um nicht anzuecken. Er verwies auf das, was ihm nicht passte, war radikal und kompromisslos.

Dass Luther den Ablasshandel verachtete, ist bekannt. Doch er kritisierte viel mehr. Schonungslos ehrlich brachte er sein Entsetzen über gelebten Luxus zum Ausdruck. Er warf der Kirche vor, sie vernachlässige es, den Schwächeren Liebe und Rücksicht entgegenzubringen. Predigten sollten wieder im Mittelpunkt eines Gottesdienstes stehen, und die Bibel sollte Grundlage im Leben der Christen sein.

Das Hôtel de Pologne in der Hainstraße © Leoni Brach
Das Hôtel de Pologne in der Hainstraße © Leoni Brach

Was Luther da in Gang gesetzt hatte, war der Beginn der Reformation … und dabei spielte auch Leipzig eine Rolle. In der breiten Gesellschaft traf Luther auf Zustimmung und Offenheit. Es zog ihn, wie viele von uns heute, in eine größere Stadt, es zog ihn nach Leipzig. Hier suchte – und fand – er Verlage, und konnte außerdem seine Schriften drucken lassen, in der Hainstraße, wo heute das Hôtel de Pologne steht. Keine andere Stadt ließ so viele Lutherschriften drucken wie Leipzig. Mit Melanchthon verbrachte er viel Zeit in Auerbachs Keller, damals noch ein Treffpunkt für Studenten. In der Nikolaikirche fand 1539 der erste lutherische Gottesdienst Leipzigs statt. Luther predigte außerdem in der Thomaskirche und in der Paulinerkirche, dem Vorgänger der heutigen neuen Universitätskirche.

Beitragsbild: Gedenktafel in der Leipziger Thomaskirche. © Leoni Brach


Im Rahmen von »Leipzig liest« finden unter anderem folgende Veranstaltungen zum Thema Reformation statt, die dazu führen könnten, Martin Luther nicht weiter als langweiligen Mönch, sondern als engagierten Studenten zu sehen:

  • machtWorte, Poetry Slam am 22. März in der Alten Handelsbörse
  • Luther – ein deutscher Rebell, Vortrag am 23. März in der Nikolaikirche
  • 500 Jahre Reformation – Der Mensch Luther, Lesung am 23. März im Schille Theaterhaus
  • Sensation – Propaganda – Widerstand, Ausstellung vom 21. bis 26. März in der Deutschen Nationalbibliothek

 

 

Leoni Brach

 


4 Gedanken zu „Kolumne: Luther, Leipzig und das Leben

  1. Es ist wohl richtig, aus germanistischer bzw. linguistischer Sicht war Luther schon n toller Typ. Aber bei aller Liebe, dieser Artikel ist arg unkritisch. Hatte jener doch über Leipzig selbst wenig schöne Worte übrig. Dazu kommt das Dauerthema, sein leidenschaftlicher Judenhass. (Ja…den Türkenhass ignorieren wir mal an dieser Stelle).

    https://kreuzer-leipzig.de/2017/01/13/er-rief-zum-mord-auf/

    Das Argument “Opfer seiner Zeit”, dass an dieser Stelle gerne gebracht wird, halte ich dabei für eher dünn. Damit könnte man sonst quer durch die Weltgeschichte Verbrechen und rassistische Ansichten und Ideologien leichtfertig abtun. Denn wenn Sie schreiben, er hätte von den Kirchen Liebe und Rücksicht gegenüber den Schwachen gefordert, sie selbst aber nichtmal für die eigenen Verwandten im Glauben gehabt…dann ist das heuchlerisch. Amen.

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