Kolumne: Guilty Pleasures

Ich glaube nicht an sogenannte »Guilty Pleasures«. Weder musikalische oder literarische, noch kulinarische. Wenn es sich gut anfühlt, dann ist es richtig. Die meisten werden wohl mittlerweile mit dem Prinzip der Scham über den Genuss von – nach welchen Maßstäben auch immer – als minderwertig eingestufter Kultur vertraut sein. Lassen Sie es mich dennoch kurz zusammenfassen. Aus mir unerfindlichen Gründen gibt es in der Kunst eine gedachte Linie zwischen Hochkultur und kreativem Bodensatz. Sollte es nun jemand wagen, ein Bodensatzerzeugnis zu genießen, so ist diese Person zumindest verpflichtet, sich schlecht zu fühlen. Blödsinn, sage ich.

Kunst soll konsumiert werden. Erdachte Differenzierungen jenseits von »bringt mich weiter« und »bringt mich nicht weiter« sind redundante Erfindungen profilierungssüchtiger Schreibtischtäter. Wichtigtuer streiten erbittert über Shakespeare-Stücke und vergessen, dass der Poet aus Stratford-upon-Avon für das gemeine Volk schrieb. Einige sagen, er habe den Grundstein für »deine Mutter …«-Witze im ersten Akt des Stückes »Timon von Athen« gelegt. An manchen Tagen gelüstet es die Denkapparatur nach Bildung, nach verworrenen neuen Gedankengängen, nach Herausforderung. An anderen nach Entspannung und dem literarischen Pendant der alten Schnuffeldecke. Niemand hat das Recht, diese persönliche Differenzierung vorwegzunehmen. Und wer dafür eintritt, bestimmte Werke zu verdammen, tritt gegen kulturelle Vielfalt ein, nimmt sich selbst Wahlmöglichkeiten, kurzum: begünstigt eine Art Tunnelblick. Jemandem, der das zu einer seiner Aufgaben erklärt, werde ich nie vertrauen.

Das soll natürlich nicht heißen, dass ich blinden Konsum befürworte. Zur Erläuterung: Zwei beliebte Zielscheiben literaturkritischer Hasstiraden der letzten Jahre sind »Fifty Shades of Grey« und die »Twilight«-Reihe. Es wird viel bemängelt. Der Schreibstil der Autoren, die spärliche Glaubwürdigkeit der Charaktere und ihrer Geschichte, der übersteigerte Pathos. All diese Kriterien rechtfertigen die endlosen Verunglimpfungen der Liebhaber dieser Druckerzeugnisse und die damit einhergehende Selbstbeweihräucherung ihrer Kritiker nicht. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Christian Greys Stalkerei Grundlage für eine einstweilige Verfügung bietet und Edward Cullens diverse Indikatoren für einen misshandelnden Partner aufweist. Um eine produktive Unterhaltung über diese und ähnliche Problematiken zu ermöglichen, muss Scham über Vorlieben im Kulturellen verbannt werden. Denn sonst ebnet man weit größeren Problemen den Weg.


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Laura Gerlach