Kolumne: Diebstahl aus Tradition

Warum die heutige Kolumne diesen merkwürdigen Titel trägt, lässt sich leicht erklären: Bis 1990 war die Leipziger Buchmesse für DDR-Bürger oft der einzige Zugang zu West-Literatur. Wegen des Verkaufsverbotes der ausgestellten Bücher wurden diese eifrig geklaut. Es entwickelte sich die Tradition des Bücherklaus. Die westdeutschen Verlage sahen meist geflissentlich darüber hinweg, konnte man doch durch die Zahl der gestohlenen Exemplare recht zuverlässig den Verkaufserfolg eines Werkes in der Bundesrepublik abschätzen – ganz abgesehen davon, dass auch der Diebstahl auf der Frankfurter Messe ein guter Indikator war. Von den auffällig-unauffälligen Herren der Firma Horch & Guck, wie das Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gerne genannt wurde, durfte man sich dennoch nicht erwischen lassen.

Geklaut wird bis heute. Das mag an den Preisen für gute Literatur liegen oder aber, was ich für wahrscheinlicher halte, am Nervenkitzel. Der Messesonntag soll der beste Tag für den Bücherklau sein. Dann verschenken manche Verlage Neuerscheinungen bewusst oder schauen weg, wenn der Besucher zugreift, um sich die Kosten für den Rücktransport zu sparen.

Ungefährlich ist der Bücherklau aber auch heute nicht, denn in der Regel haben das Standpersonal und die mobilen Kassierer der Buchmesse einen scharfen Blick. Und eines ist sicher: Schlimmer als Klauen ist die Scham beim Erwischtwerden.


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Bernd Vogel