Köter des Gemetzels

»So gut wie nie kamen Worte aus seinem Mund, und wenn, dann nur kurze, marode Sätze.«

»Der Hund« ist der Debütroman des 1969 geborenen, sowohl in Los Angeles als auch Berlin lebenden Achim Bornhak (alias : Akiz). Das Abenteuer beginnt hinter den schmierigen Rolläden eines großstädtischen Döner Imbisses, wo der Ich-Erzähler Mo und der Protagonist, alias “der Hund”, ihr Leid teilen: sie arbeiten unter einem blutrünstigen Chef, und werden von diesem infolge eines Zwischenfalls kurzerhand aus dem Laden geprügelt.

Danach beantwortet sich die Frage »Was als nächstes?« auf Geheiß des Hundes für die beiden im Handumdrehen. Als nächstes das El Cion, naheliegend, weil auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und noch dazu eines der renommiertesten der Gegend – von weltweiter Reputation. Zu diesem, als Brutstätte von Fatalisten und Absurditäten ausgeschriebenen Ort, verschaffen sich Mo und der Hund Zugang und einen neuen Arbeitsplatz. Damit sind sie befähigt, auf den zahlreichen Feierlichketen als schaustellende Küchenbedienstete die Crème de la Crème des illegalen Nahrungsmittel- und Drogenhandels zu bekochen.

Dass es um das schiere Überleben geht, im Tages- un Nachtgeschehen hinter den Kulissen des feudal-faschistoid gehaltenen Speisesaals, wird ihnen schnell begreiflich. Denn sie werden hineingerissen in eine Parallelwelt, direkt an den Herd. Dort wird Mo bald damit beauftragt, dem Hund zu assistieren, was er unweigerlich tut. Neben der skurilen Souscheffin, die sich »die eiserne Lily« nennt, leitet Valentino, der sagenumwogene Chefkoch, seit Jahrzehnten die Delikatessküche des Etablissements – bis zu dem Zeitpunkt, als er eine Haftstrafe auszusitzen hat, weil er gegenüber einem Tester im Restaurant handgreiflich geworden ist. Nach seiner Freilassung feiert das Restaurant wider erwarten Neueröffnung, und die vielen Reservierungen sorgen für Hochkonjunktur.

An Brutalität und Aktionismus kaum zu übertreffen, waltet Valentino nach der Façon eines despotischen Tyranns in in der Restaurantküche. Es mutet familiär an, wenn auf dem Edelmetall jede kleinste Line geschwisterlich geteilt wird. Doch der Schein trügt, und es dauert nicht lang, dann wird dem Hund sein Alleinstellungsmerkmal als talentiertester Koch der Crew zum Verhängnis. Denn seine zubereiteten Speisen üben eine Art halluzinogene Wirkung auf die Menschen aus. Wer immer davon kostet, fällt in einen Trancezustand, der traumreiche Erinnerungen auf Vergangenes freigibt. Was bleibt, ist delirienhafte Orientierungslosigkeit an das in der Zwischenzeit Vorgefallene.

Die hohe Kochkunst des Hundes wird von niemandem Geringeren als der Schönheit Alisha, der divenhaften Gattin des Küchenchefs, entdeckt. Damit läutet sie eine Katastrophe ein, und eine intrigante Liebesgeschichte der eher unromantischen Art. Dann gerät die Crew des El 1 Cion mit der des Rivalenrestaurants, dem Gaspar, in blutigen Konflikt, und Nino – der Tester, um derentwillen Valentino einsitzen musste – wird erneut auf das El Cion angesetzt.

Während des Geschlechtsverkehrs mit Alisha im Kühlraum mariniert der Hund mit dem Schweiß seiner Verehrerin das Filet, das er am Folgetag anlässlich der Geburtstagsfete Valentinos den Gästen als Grillgut kredenzen wird. Das lässt die Gesellschaft eine Orgie verantalten, Valentino wittert die bis dahin geheim gehaltene Liebschaft seiner Frau zum Hund – und entlässt letzteren. Infolgedessen läuft der Hund zum Gaspar über, allerdings gelingt es Mo, den Küchenchef des Gaspar umzustimmen und den Hund zurückzubekommen: im Tausch gegen ein millionenschweres Messerset. Die Situation eskaliert vollends, als sich Valentino vor die Herausforderung gestellt sieht, Nino zu begegnen, und den Hund ein mehrkomponentiges Gericht zusammenstellen lässt, das die anwesenden Gäste – darunter die Garde des Gaspar -, gänzlich ausknockt. Zuletzt kann Alisha das Schlimmste abwenden, indem sie gemeinsam mit dem Hund im Auto entkommt.

Die Ignoranz, mit der sich die einzelnen Figuren begegenen, scheint fast phlegmatisch. Auch verwundert es beispielsweise, dass die Autorität Valentinos gänzlich unhinterfragt bleibt, und sich den ganzen Romanverlauf hindurch abzeichnet, dass es den involvierten Figuren unabdinglich scheint, sich dem Prekariat hierarchischer Unterwürfigkeit zu fügen. Die – ganze Passagen umfassende – Szenen der Brutalität tragen dazu bei, dass es erschwerend anmutet, sich dem Wust aus Nebenereignissen zu entledigen, um die einzelnen Figurenmotive nachzuziehen. Weil die Figurenprofile regelrecht gestriffen, und über keine genuinen Charaktereigenschaften verfügen, bleiben auch die Nebenfiguren weitestgehend gesichtslos. Außerdem sind die Retrospektionen zu detailreich. Zwar bekommt man eine Idee von der Brisanz des Geschehens vermittelt, doch werden die teils entscheidenen Ereignisse durch ermüdende Ausschweifungen und Beschreibungen von Nebenschauplätzen zumeist stiefmütter/- väterlich behandelt. Das ist nicht zuletzt dem Schreibstil, in dem das Buch gehalten ist, zu verdanken. Der – wenn auch sehr virtuose – Slang der Figuren gestaltet sich vornehmlich als kryptisch, was eine gewisse Brüchigkeit des Handlunsgverlaufes bedingt, die sicherlich umgangen werden könnte.

Dennoch: »Der Hund«ist ein erfrischend anderer, und mit Klischees brilliant hantierender Roman. Ironisch, absurd, triefend vor phantastischem Wahnsinn und außerhalb aller Konventionen – empfehlenswert.


Das Buch: Akiz: Der Hund. hanserblau, München 2020, 221 Seiten, 18 Euro, E-Book 13,99 Euro


Die Rezensentin: Carolin Keller

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