Kennenlernen bei Käsekuchen

Stephanie Quitterer liest aus ihrem Buch »Hausbesuche«.

Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn? Stephanie Quitterer kann mit Recht behaupten: Sehr gut. Bewaffnet mit Kind, Kaffee und Kuchen hat sie sich auf den Weg gemacht, ihre Nachbarschaft kennen zu lernen. Die Berlinerin mit »süddeutschem Migrationshintergrund« hat in 200 Tagen 200 Menschen besucht, die mit ihr in einer Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg wohnen. Dabei hat sie nicht nur viel über ihre Nachbarn gelernt, sondern auch über sich selbst.

Hausbesuche von Stephanie Quitterer

Ihre Erlebnisse hat Quitterer zunächst in ihrem Blog und nun auch in dem Buch »Hausbesuche« festgehalten. Und in welchem Ambiente ließe sich ein Buch über Begegnungen bei Kaffee und Kuchen besser vorstellen als in einem Café? Darum liest Quitterer am Samstagnachmittag im Cupcake-Café Mintastique, die passenden Fragen stellt Stefanie Schill vom Knaus Verlag. Rund vierzig Personen haben sich in dem kleinen Raum versammelt, nicht alle sind wegen der Lesung hier, manche wollen nur einen Kaffee trinken. Die Atmosphäre ist entspannt, die Stimmung gut. Und sie wird noch besser, als Quitterer anfängt zu lesen.

Sie setzt an bei ihrem ersten Besuch. Nach dreißig »Anlaufkuchen« wurde es ernst: Quitterer machte sich auf den Weg zum »Atombalkon«, der seinen Namen unzähligen »Atomkraft – nein danke«-Fähnchen zu verdanken hat. Von der Absage, die sie an der Haustür seiner Besitzerin erhielt, ließ sich Quitterer nicht entmutigen: »Nach einer Weile habe ich gemerkt, dass ich jeden Tag irgendwo eingelassen werde.« Der mitgebrachte Kuchen war dabei von Vorteil: »Wenn ich gesagt habe, ich habe Schokokuchen mit Schlagsahne dabei, dann ging sofort der Summer.« Ob es mit der Zeit leichter wurde, bei völlig Fremden zu klingeln? Nein. »Die ersten Minuten in einer fremden Wohnung sind wie deißig Runden in einem Formel-1-Auto.«

Im Laufe des Projekts hat Quitterer eine Statistik über die Wahrscheinlichkeit aufgestellt, eine Wohnung betreten zu dürfen. So kommen auf einen Einlass im Schnitt zwölf »nicht Zuhauses« und fünf »Neins«. Trotzdem war sie immer wieder überrascht, welche Menschen sie in ihre Wohnung gebeten haben.

Sie erzählt von halbnackten Männern, die filmreife Geschichten zu erzählen haben, von Swinger-Clubs und von Vorurteilen. So beschreibt sie den Besuch bei einem jungen Mann namens Nils, der sie nur zögerlich in ihre Wohnung lässt. Der Grund: Die Räume sind bis zur Decke voll mit Mülltüten. Quitterer feixt »Stünde ich in einer Wohnung in Mitte und hätte 23 Euro Eintritt bezahlt, wäre es eine Installation«. Doch nicht der Zustand der Wohnung ist es, der die Autorin beeindruckt, sondern ihr Bewohner, der so aufgeschlossen und freundlich von dem Doppelstudium in Jura und Psychologie erzählt, das er als Stipendiat absolviert hat. »Diese Erfahrung hat mich alle Schubladen, die ich hatte, entrümpeln lassen.«

Voller Enthusiasmus imitiert die Autorin beim Vorlesen den Berliner Akzent, auch Mimik und Gestik weiß sie effektiv einzusetzen. So effektiv, dass das Publikum lacht, ständig. Und auch die, die eigentlich gar nicht wegen der Lesung gekommen sind, haben ein seliges Lächeln im Gesicht, als Moderatorin Schill nach einer Stunde das Ende der Lesung verkündet. Quitterers Hausbesuch im Mintastique erntet begeisterten Applaus. Zurecht.

Autorin Stephanie Quitterer und Moderatorin Stefanie Schill im Café Mintastique. © Vanessa Gattermann
Autorin Stephanie Quitterer und Moderatorin Stefanie Schill im Café Mintastique. © Vanessa Gattermann

Die Veranstaltung: Stephanie Quitterer liest aus Hausbesuche, Moderation: Stefanie Schill, Café Mintastique, 19.3.2016, 17 Uhr

Das Buch: Stephanie Quitterer: Hausbesuche: Wie ich mit 200 Kuchen meine Nachbarschaft eroberte. Knaus Verlag, München 2016, 240 Seiten, 16,99 Euro, E-Book 13,99 Euro


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Die Rezensentin: Vanessa Gattermann

 


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