Keine Lesung wie sie im Buche steht

Sabine Thiesler liest aus ihrem Thriller »Und draußen stirbt ein Vogel«.

Der Saal ist dunkel. Die Autorin, nur beleuchtet von der Leselampe auf ihrem Pult, liest mit leicht bebender Stimme aus ihrem neuesten Roman vor. Das Publikum hört gebannt zu, niemand rührt sich, bis auf einmal das Klingeln eines Telefons ertönt und die Spannung im Raum zerstört. »Welcher Idiot hat sein verdammtes Handy angelassen?«, schreit ein Mann aus dem Dunkel im hinteren Bereich des Raumes.

Diese Lesung, die Sabine Thiesler zu Beginn ihres Thrillers »Und draußen stirbt ein Vogel« beschreibt, hat so gar nichts mit dem zu tun, was am Donnerstagnachmittag im Forum Literatur auf der Leipziger Buchmesse stattfindet. Thiesler sitzt hier auf der hell erleuchteten Bühne. Hinter ihr eine weiß-rote Wand, die das Logo der Leipziger Buchmesse trägt, vor ihr ein Wasserglas und das Publikum, überwiegend aus Frauen zwischen 20 und 50 Jahren bestehend.

Sabine Thiesler, die neben zahlreichen Krimis und Thrillern auch einige Drehbücher für die Fernsehserien Tatort, Polizeiruf 110 und Traumschiff verfasst hat, beginnt mit einer kurzen Einführung in die Handlung ihres Buches. Es geht um die Krimi-Autorin Rina Kramer und den psychisch kranken Manuel. Er ist es, der sich in der beschriebenen Lesung lautstark zu Wort meldet, und er mietet sich auch als Feriengast auf Rinas Anwesen in der Toskana ein. Doch anstatt Urlaub zu machen, nimmt Manuel Rina in deren Weinkeller gefangen. An dieser Stelle hakt Thiesler ein und liest vor, wie sich Rina aus ihrer scheinbar ausweglosen Situation befreien kann. Das Publikum auf der Buchmesse verhält sich mustergültig, es reagiert mit leisem Lachen auf die Stellen, an denen die toughe Rina ihren Peiniger überwältigt. Kein Handy klingelt.

Thiesler beendet ihre Lesung mit einem Cliffhanger: Auf der Flucht wird Rina erneut von Manuel überwältigt. Für den anschließenden Applaus bedankt sich die Autorin artig lädt die Zuhörer ein: »Ich bin hier, ich habe Zeit. Und Sie können mich alles fragen, was Sie mich immer schon einmal fragen wollten. Und ich verspreche: Ich beantworte alles, außer die Frage nach dem Ende des Buches«. Dem aufmerksamen Leser des Thrillers hier dann doch eine Parallele zur eingangs beschriebenen Lesungssituation auffallen – denn auch Rina Kramer schließt Lesungen mit diesen Worten ab.

Das Publikum auf der Leipziger Messe reagiert jedoch, im Gegensatz zu den fiktiven Gästen auf Rinas Lesungen, eher verhalten auf die Aufforderung. Schon nach zwei Fragen ist die Wissbegierde der Anwesenden gestillt. Thiesler wirkt nicht besonders enttäuscht über diesen Umstand. Wahrscheinlich ist ihr ein leicht zu beeindruckendes Publikum lieber als ein Psychopath wie Manuel, der in der hintersten Reihe lauert. Obwohl ein bisschen Drama diesem Nachmittag nicht geschadet hätte.


Die Veranstaltung: Sabine Thiesler liest aus Und draußen stirbt ein Vogel, Forum Literatur, Halle 3, Stand E401, 17.3.2016, 16 Uhr

Das Buch: Sabine Thiesler: Und draußen stirbt ein Vogel. Heyne, München 2016, 448 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 15,99 Euro


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Die Rezensentin: Vanessa Gattermann

 

 


 

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