»Jeder Weg führt irgendwo hin«

Inga Žolude liest aus ihren Erzählungen.

Das Forum OstSüdOst in Halle 4 ist am Messesamstag eine kleine Oase der Ruhe, weit weg vom Gedränge und den Menschenmassen der anderen Hallen. So bietet sie den Besuchern der Lesung von Inga Žolude genug Platz, um sich auszubreiten und die prall gefüllten Messetaschen auf den freien Stühlen neben sich zu platzieren.

Die Autorin betritt die Bühne, lächelt kurz ins Publikum, ergreift dann das Mikrofon und stellt sich und ihren Übersetzer Andreas Jäkel kurz vor. In feinstem Deutsch erfahren die Zuhörer, dass die lettische Autorin aus ihrem aktuellen Werk zuerst im Original vorlesen wird, gefolgt von einer deutschen Übersetzung. Und – ganz Understatement – dass sie »nur ein bisschen Deutsch« könne.

Steindl Cover Zolude_StastiIn »Stāsti« (»Geschichten«) berichtet sie in sieben Texten von unterschiedlichsten Charakteren, vom Leben an sich und den Hoch- wie Tiefpunkten, die es so mit sich bringt. Ein Teil dieser Geschichten erzählt von Schriftstellern. Žolude betont: »Schriftsteller, das sind vor allem Menschen«, das werde viel zu oft vergessen. Auch für die Erzählung »Der Weg« hat sie Schriftsteller als Protagonisten gewählt. Schauplatz der Handlung ist eine Künstlerresidenz in der Schweiz. Inga Žolude hat während der letzten Jahre einige Zeit in Künstlerresidenzen in ganz Europa verbracht und diese Eindrücke in ihr aktuelles Werk einfließen lassen.

Als sie aus der Erzählung in ihrer Muttersprache zu lesen beginnt, wirkt ihre Stimme erheblich dunkler. Anschließend trägt Jäkel die deutsche Übersetzung vor: Kavers, der Märchen für Kinder schreibt, und Astija, die Menschen fotografiert, die ihr den Rücken zuwenden, gehen spazieren.

Die beiden philosophieren über Rücken und Astijas Absicht, sie zu fotografieren. Durch Žoludes feinen Blick für die Details in der Natur vergisst man fast, dass man in einer stickigen Messehalle sitzt. Die Geschichte erzählt einerseits von zwei Menschen auf einem Weg, andererseits vom Weg jedes einzelnen Menschen. Bei dieser Verflechtung von äußerem und innerem Weg ist eine Trennung der beiden manchmal kaum möglich, vermutlich aber auch nicht nötig, denn »jeder Weg führt irgendwo hin«, egal ob äußerer oder innerer.


Die Veranstaltung: Die Erzählungen. Junge Autoren aus Lettland: Inga Žolude, Übersetzung: Andreas Jäkel, Messe, Forum OstSüdOst, 19.3.2016, 16 Uhr

Das Buch: Inga Žolude: Stāsti. Dienas Grāmata, Riga 2015, 10,50 Euro – eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor


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Die Rezensentin: Lisa Steindl

 


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