»I just don’t want to be a mother«

Orna Donath im Gespräch über ihre Aufsehen erregende Studie »Regretting Motherhood«.

»Klar bin ich oft überfordert – aber das Lächeln meines Kindes macht alle Anstrengungen wieder wett.« So äußern sich viele Frauen über ihre Erfahrung mit der Mutterschaft. Und wenn das nicht so ist? Es ist ein immer noch weit verbreitetes Tabu, darüber zu sprechen, dass man seine Mutterschaft bereut – obwohl man seine Kinder liebt.

In Israel, einem Land, in dem eine große Familie laut Orna Donath zum guten Ton gehört, ist dieses Tabu noch größer als hierzulande. Die israelische Soziologin hat 2008 damit angefangen, Mütter zu interviewen, die bereuen. Auszüge aus 23 Interviews und die Erkenntnisse daraus hat sie nun in »#regretting motherhood – Wenn Mütter bereuen« niedergeschrieben. Allen 23 Frauen ist gemeinsam: Wenn sie noch einmal vor der Entscheidung stünden, Mutter zuwerden, dann würden sie es nicht wieder tun.

Shelly Kupferberg (links) im Gespräch mit Orna Donath. © Lina Hansen
Shelly Kupferberg (links) im Gespräch mit Orna Donath. © Lina Hansen

Im Gespräch mit Shelly Kupferberg auf der Leipziger Buchmesse erzählt Donath dem überwiegend weiblichen Publikum unterschiedlichsten Alters von ihren Beweggründen, den Gesprächen mit den Frauen und den Ergebnissen. »Frauen wird gepredigt: ›Du wirst es bereuen, keine Mutter geworden zu sein‹. Aber warum zieht niemand die Möglichkeit in Betracht, dass man es auch bereuen könnte, Kinder bekommen zu haben? Kinderlosen Frauen wird ständig dieses Bild der verrückten alten Frau vorgehalten, die einsam und allein Katzen auf der Straße füttert«.

Im deutschen Feuilleton wurde Donaths Buch mit gemischten Gefühlen aufgenommen – und oft ohne die notwendige Sachlichkeit. Denn Donath geht es gar nicht so sehr um den vermeintlich skandalösen Fakt, dass Reue über die Mutterschaft überhaupt existiert. Es geht ihr um die Gründe, aus denen bereut wird: Einige Frauen kämen nicht mit der Verantwortung zurecht, die mit der Mutterschaft einhergeht. Sie lieben ihre Kinder und werden nicht müde, dies zu betonen. »Aber sie wünschen sich, nicht ihre Mutter zu sein«, so Donath – ein entscheidendes Detail. Manche Mütter leiden ihr Leben lang unter Rassismus und bekommen nun mit, wie er durch ihre Kinder weiterlebt. Dies hat quälende Erlebnisse zur Folge – für Mütter wie für Kinder.

Auch finanzielle Gründe heben einige Frauen hervor: Das Armutsrisiko ist für alleinerziehende Mütter nach wie vor besonders hoch. Viele Mütter leiden auch darunter, keine Zeit mehr für sich selbst zu haben – und müssen damit zurechtkommen, dass sie nur noch in der Rolle der Mutter stattfinden. »Sie verlieren sich selbst«, erklärt Donath.

Als letzten und besonders wichtigen Grund stellt Donath heraus: Viele Frauen – sie selbst eingeschlossen – möchten schlichtweg niemandes Mutter sein. Die Gesellschaft akzeptiere nicht, dass es vielfältige weibliche Identitäten gibt – und eben nicht nur die der fortpflanzungswilligen Frau. Eine Debatte, die laut Donath in Deutschland deutlich weiter fortgeschritten ist als in Israel. Dennoch bleibt noch eine Menge zu tun – so könnten auch deutsche Journalisten mit weniger Aufregung über diesen wichtigen Beitrag zum Feminismus berichten.


Die Veranstaltung: Orna Donath spricht über #regretting motherhood: Wenn Mütter bereuen, Moderation: Shelly Kupferberg, Leipzig Messe, Halle 4, Stand der Botschaft des Staates Israel, 17.3.2016, 16 Uhr

Das Buch: Orna Donath: #regretting motherhood: Wenn Mütter bereuen. Knaus, München 2016, 272 Seiten, 16,99 Euro


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Die Rezensentin: Lina Hansen

 

 


 

 

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