»However much the science changes, human nature remains the same«

Val McDermid im Gespräch über ihr neues Buch »Anatomie des Verbrechens«.

Es ist Abend. Ein spärlich beleuchteter Weg führt zur Hauptkapelle des Südfriedhofs. Eigentlich ein perfekter Schauplatz für die Eingangsszene eines Thrillers. Doch das Buch, um das es am heutigen Abend geht, ist anders. Es ist ein Sachbuch über die Geschichte der Forensik – der Wissenschaft, »die bemüht ist, rechtskräftige Beweismittel zu liefern«.

Zoë Beck, Schriftstellerin und Übersetzerin aus Berlin, moderiert den Abend. Sie stellt der schottischen Autorin Val McDermid Fragen zur ihrem Buch und übersetzt die Antworten. Bereits kurz nach der Begrüßung stellt Beck fest, wie schön Leipzig im Vergleich zu Halle sei, wo beide am Tag zuvor ebenfalls eine Lesung hatten: »Man hat mir extra gesagt ich soll das sagen«. Das Publikum lacht.

Nach über 30 fiktionalen Büchern hat McDermid mit »Anatomie des Verbrechens« das zweite Sachbuch ihrer schriftstellerischen Laufbahn geschrieben. Es entstand für eine Ausstellung der Londoner Wellcome Collection, einem medizinhistorischen Museum. McDermid wollte ein Buch schreiben, das die Forensik für Laien verständlich erklärt.

Dazu hat sie bei ihrer Recherche persönlich mit den Wissenschaftlern gesprochen. Jedes der 12 Kapitel in ihrem Buch behandelt ein anderes Fachgebiet anhand dieser Interviews. Bei den Gesprächen mit Brandermittlern, Toxikologen und Anthropologen hat McDermid nicht nur etwas über die Arbeitsweisen der Fachleute erfahren, sondern auch über die Historie der einzelnen Disziplinen und Anekdoten aus über zweihundert Jahren Forensik-Geschichte. Einen Ausschnitt aus dem Kapitel über Anthropologie liest Beck laut vor. Am Ende der Lesung beklagen sich einige der rund 150 Gäste, sie hätten gerne auch McDermid lesen gehört.

Als McDermid nach ihrer Lieblings-Story gefragt wird, muss sie nicht lange nachdenken. Die forensische Insektenkunde, auch Entomologie genannt, hat ihr am besten gefallen, obwohl sie das zu Beginn nicht erwartet hätte. Denn, mal ehrlich: »Nobody likes insects«. Euphorisch berichtet die Autorin von einem Haufen leerer Puppenhüllen, der in einem Wohnhaus entdeckt wurde. Die Hüllen bestanden aus der alten Haut von Maden. Bei der forensischen Untersuchung der kleinen Leerkörper stellte sich heraus, dass die Hüllen Spuren von Heroin enthielten. Als zudem kleinste Spuren menschlicher DNA an den Hüllen gefunden wurde, war eindeutig bewiesen: Der Puppenhaufen lag dort, wo sich einst die Überreste eines – noch nicht einmal vermisst gemeldeten – Drogensüchtigen befunden haben mussten. »There are moments in the forensic science that feel like magic to me«.

Doch eine Sache bleibt der Autorin an der Wissenschaft fremd: Die Geschwindigkeit, mit der sie sich weiterentwickelt. Der Mensch hingegen bleibt gleich. Und so sehr Val McDermid auch von der Forensik fasziniert ist, empfindet sie es doch noch immer als ihre Aufgabe, Geschichten zu erzählen. Das Publikum applaudiert überschwänglich und liefert damit den eindeutigen Beweis: Ob Sachbuch oder Thriller, McDermid trifft ins Schwarze.


Die Veranstaltung: Die Anatomie des Verbrechens, Moderation: Zoë Beck, Südfriedhof, Hauptkapelle, 18.3.2016, 20.15 Uhr

Das Buch: Val McDermid: Anatomie des Verbrechens. Meilensteine der Forensik. Aus dem Englischen von Doris Styron. Albrecht Knaus Verlag, München 2015, 384 Seiten, 14,99 Euro


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Die Rezensentin: Vanessa Gattermann

 


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