Hoffnungsvoller Niedergang

Der Philosoph Christoph Türcke stellte in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften seine Streitschrift »Digitale Gefolgschaft« vor. Darin wirft er einen skeptischen Blick auf die Digitalisierung.

Der Philosoph Christoph Türcke © Ekko von Schwichow

Über Digitalisierung wurde scheinbar schon alles gesagt, was es zu sagen gibt. Die einen wollen sie stärker vorantreiben und sehen in ihr den Vorschein der Utopie, andere begegnen ihr mit kulturpessimistischen Untergangsvisionen eindeutig ablehnend, entziehen kann sich keiner. Dass die Debatte um einen Gegenstand jedoch oft erst wirklich beginnt interessant zu werden, wenn alle Positionen bereits bekannt erscheinen, beweist das neue Buch »Digitale Gefolgschaft – Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft« des renommierten Philosophen Christoph Türcke, das er nun in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften vorstellte.

Beworben wird das Buch damit, dass Türcke untersuche, wie sich parallel zu Auflösungserscheinungen gängiger gesellschaftlicher Institutionen auf digitalen Plattformen neue Clans, Schwärme und Horden in Form der sogenannten »Follower« herausbilden, was einer Rückentwicklung zur archaischen Stammesgesellschaft gleichkomme. Tatsächlich beschäftigt sich Türcke auch eingehend mit dieser Erscheinung. Es macht dennoch nicht den größten Teil des Buches aus. Die Streitschrift ist vielmehr eine umfassende Abrechnung mit dem Gang der Geschichte seit der dritten industriellen Revolution, also dem Aufkommen der Mikroelektronik. Denn die Zeit der Idealisierung des Internets zum freien, basisdemokratischen Tummelplatz mündiger Individuen scheint längst vorbei. Entsprechend düster fällt Türckes Prognose aus. Wichtig sei ihm trotzdem, klarzustellen, dass er als Kritiker nicht auf die Erfüllung seiner Vorhersage dränge. Ganz im Geiste der Kritischen Theorie will Türcke sie am Weltlauf scheitern sehen. Somit ist »Digitale Gefolgschaft« Aufklärung im besten Sinne.

© C.H. Beck

Die breitgefächerte Beschäftigung mit unterschiedlichsten Themen wie Deregulierung, Öffentlichkeit, sozialen Netzwerken, digitalem Narzissmus und künstlicher Intelligenz ist jedoch sowohl Fluch als auch Segen für das Werk. In seinen besten Momenten vermag Türcke die komplexen Gebiete virtuos zu verknüpfen. Dann legt er elaboriert dar, welche Auswirkungen die Digitalisierung beispielsweise auf das Schulwesen, die Demokratie und die damit verbundene Politikverdrossenheit hat. Hin und wieder wirkt die Streitschrift allerdings verworren und diffus. In diesen Fällen verliert sie – im Hangeln von einem Phänomen zum nächsten – den roten Faden und ist kaum mehr zu unterscheiden von platten Klagen über den rasenden Fortschritt der Technik, die selten über eine Aufzählung missliebiger Entwicklungen hinauskommen, und das allgemeine Bewusstsein der eigenen Ohnmacht nur bestärken. Auch bei der Buchvorstellung ließ sich Türcke bei aller Faktentreue zur ein oder anderen Überspitzung hinreißen. Türcke verhindert es im Buch erfreulicherweise, sich in dieser Tendenz komplett zu verlieren, und bleibt in einigen Punkten, insbesondere was die Zukunft angeht, wiederum erstaunlich ambivalent und ausgewogen. Wo es durchaus genug Gründe zur Verzweiflung gäbe, wägt er kühl ab und nimmt Untergangsfanatikern den Wind aus den Segeln, anstatt in Resignation zu verfallen.

Größte Stärke des in seiner Vorgehensweise zwiespältigen Buchs ist so die Hoffnung, dass die erschreckende, die Gesellschaft und die Individuen transformierende Dynamik der Digitalisierung gleichzeitig die Mittel zu ihrer Aufhebung mitliefert. Und dennoch lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass diese Überwindung nur errungen werden kann, wenn man sich von der Utopie eines technisch alles inkludierenden, perfekten Internets verabschiedet, die Türcke als »totalitäre Hölle« bezeichnet. Es bleibt fraglich, ob Türckes Buch nur eine weitere, kaum hörbare Warnung auf dem Weg dorthin ist.

Beitragsbild: Christoph Türcke (links) legt fundiert seine Prognose dar. Thomas Jantschek (rechts) führt durch den Abend. © Nico Hoppe


Die Veranstaltung: Leipzig liest: Christoph Türcke »Digitale Gefolgschaft«, Moderation: Thomas Jantschek, Sächsische Akademie der Wissenschaften, 23.3.2019, 19 Uhr


Das Buch: Christoph Türcke: Digitale Gefolgschaft – Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft. C.H. Beck, München 2019, 251 Seiten, 16,95 Euro, E-Book 13,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Nico Hoppe

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