Hildebrand Gurlitt – eine typisch deutsche Biografie?

Meike Hoffmann und Nicola Kuhn im Gespräch über »Hitlers Kunsthändler«.

Nach dem »Schwabinger Kunstfund« sind die Provenienzforscher, die sich mit der Herkunft von Kunstwerken beschäftigen, mit zahlreichen Besitzansprüchen aus der ganzen Welt konfrontiert. So klingt es zunächst scherzhaft, als eine der ersten Fragen an Meike Hoffmann und Nicola Kuhn bei dieser Lesung im Museum der bildenden Künste lautet, ob sie nicht auch ein Geschenk für das Museum dabeihätten. Ganz unbegründet ist die Frage jedoch nicht: Unter Hildebrand Gurlitts Bildern befanden sich nämlich auch 74 Werke aus der Grafischen Sammlung des Museums der bildenden Künste.

Wellpott_Cover Hitlers Kunsthändler_2016-03-20Dies erklärt Birgit Brunk, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums im Bereich Provenienzforschung, zu Anfang der Buchpräsentation und macht damit den lokalen Bezug deutlich. Danach leitet die 3sat-Moderatorin Cécile Schortmann das Gespräch. Die Autorinnen Hoffmann, die Mitglied der bereits aufgelösten Taskforce »Schwabinger Kunstfund« war, und Kuhn, Kunstkritikerin des Tagesspiegels, beantworten Fragen zu den wichtigsten Stationen im Leben des Kunstsammlers.

»Ein Gurlitt zu sein, bedeutet Erfolg zu haben.« Unter diesem Druck wandte sich der aus einer Künstler- und Akademikerfamilie stammende Hildebrand Gurlitt zunächst der Avantgarde zu. Als leidenschaftlicher Unterstützer des Expressionismus wurde er Museumsleiter in Zwickau und später Vorstand des Hamburger Kunstvereins. Er wollte eigentlich »ideell und nicht materiell mit Kunst arbeiten«. Laut Kuhn erfolgte allerdings die Wende, als er zum Chefeinkäufer des Führermuseums in Linz ernannt wurde und sich damit offiziell schuldig machte. Als »Vierteljude« und Nicht-Mitglied der NSDAP geriet Gurlitt nach dem zweiten Weltkrieg erst durch seine extrem hohen Einkünfte unter Verdacht. Dadurch, dass er sich im Folgenden seiner Schuld nicht stellte, beantwortet Hoffmann die letzte Frage des Abends mit: »Ja, eine typisch deutsche Biografie – seiner Zeit.«

Vor allem Hoffmann plädiert jedoch für eine ambivalente Betrachtung von Gurlitts Tätigkeit. Während der Recherche habe sie zwar gedacht, »Ist das ein schrecklicher Typ!«, aber auch seine Verdienste zu würdigen gewusst. Er sei »vom kritischen Geist zum Mitläufer« avanciert, werde aber in den Medien fast durchweg negativ dargestellt. So möchte sie sich, auf Nachfrage aus dem Publikum, auch nicht auf den Vergleich mit »Doktor Faustus« einlassen. Auch wenn sie Parallelen zu so manchen Romanfiguren sehe, sei es ihr wichtig, Gurlitt individuell zu betrachten.

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Nicola Kuhn und Meike Hoffmann. © Hannah Wellpott

Selbiges gilt auch für die Arbeit der Taskforce, gegen die immer wieder starke Kritik geäußert wird. Hoffmann räumt zwar eine mangelnde Transparenz ein, sieht die Provenienzforschung aber international auf einen neuen Stand gehoben. Im Gegenzug wirft sie den Medienmachern – von denen, nebenbei erwähnt, auch zwei auf dem Podium sitzen – das Erzeugen einer zu hohen Erwartungshaltung vor. So sind am Ende der erkenntnisreichen Veranstaltung manche im Publikum vielleicht sogar enttäuscht, als Hoffmann betont, dass dieser Fund »etwas Einzigartiges in diesem Umfang« gewesen sei und sie keine weiteren Entdeckungen solchen Ausmaßes mehr erwarte.


Die Veranstaltung: Meike Hoffmann und Nicola Kuhn präsentieren Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895-1956, Moderation: Cécile Schortmann, Museum der bildenden Künste, 19.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Meike Hoffmann & Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895-1956. C.H. Beck, München 2016, 400 Seiten, 24,95 Euro


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Die Rezensentin: Hannah Wellpott

 

 


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