Heroin zum Valentinstag

Grimme-Online-Award-Gewinner $ick ist mit seiner Biografie zu Gast im Felsenkeller und liefert am 14. Februar Valentinstag-Kontrastprogramm voller Drogen-, Geldbeschaffungs- und Knastgeschichten.

© Piper Verlag

Der Veranstalter hat eingeladen zu »Shore, Stein, Papier – Alles andere als eine Lesung« und im Laufe des Abends setzt sich der Autor unter dem Alias $ick nur zwei Mal an den Tisch und liest wirklich aus seinem Buch. Wir alle hätten ja schließlich auch für eine Lesung bezahlt, so müsse er auch mal vorlesen. Die Lampe auf seinem kleinen Lesetisch muss ihm allerdings eine Dame aus der ersten Reihe anmachen, da er den Schalter nicht findet. Es dauere halt bei Junkies immer ein bisschen länger, bis sie begreifen.

$ick erzählt viel lieber freistehend mit Bildern und Videos von seinen 25 Jahren Drogensucht. Er ist an solchen Abenden nicht für Präventionsarbeit gekommen, sondern um Entertainment zu bieten und mit seiner locker-lustigen Art macht er Witze über sich selbst und seine Geschichte. Zwischendurch kann das Publikum Fragen stellen oder $ick fragt das Publikum selbst etwas. »Wer kifft hier denn alles?« Es gehen einige Hände hoch. »Das sind aber wenig. Der Rest von euch schon so am Ende, dass der Arm nicht mal mehr hochgeht?« Er grinst und lacht und alle lachen mit. Insgesamt lacht man viel an diesem Abend.

$ick erzählt uns, wie er zwei Mal kläglich am Ausbruch aus dem Gefängnis scheiterte und beinahe nackt, eingeschmiert mit Fett, mit seinen Gruppenkollegen auf dem Gefängnisinnenhof gestanden hätte. Wenn sie die Gitter vor dem Zellenfenster in ihrem Drogenrausch nur weit genug hätten aufbiegen können. Der dritte Ausbruchsversuch glückt und endet kurze Zeit später wieder im Gefängnis. $ick hampelt auf der Bühne rum und stellt die Situationen nach. Führt uns vor, wie man in der JVA von einer Zelle zur anderen Waren übers pendeln tauscht und zeigt Fotos von damals. Alles echt.

$ick. © Philip Bartz

Über die Jahre frequentiert $ick in den verschiedensten JVA und hat auch gar nicht den Willen etwas zu ändern. Auch gegen seine Drogensucht will er lange nichts unternehmen. Das schlechte Gewissen holt ihn mit der Geburt seiner Tochter ein. Ein Junkie kann kein guter Vater sein. Er fängt an einem Freund vor der Kamera seine Geschichte zu erzählen und ist dabei ganz ehrlich, das erste Mal in seinem Leben. Daraus wird eine Webserie und nachdem er den Grimme Online Award gewinnt, sogar auch ein Buch. Nur deshalb könne er heute Abend überhaupt hier stehen. $ick lacht noch heute darüber, dass Menschen, die ein Jahr zuvor noch die Polizei bei seinem Anblick gerufen hätten, ihm 2015 den Grimme Online Award überreichten.

Er ist seit sechs Jahren clean und das Publikum applaudiert. »Ob das wirklich einen Applaus wert ist, weiß ich ja nicht«, bezweifelt er offen auf der Bühne. Aus der Drogensucht herauszukommen ist schwer. Wenn man 16 Stunden am Tag mit Geldbeschaffung und konsumieren verbracht hat und das Ganze plötzlich wegfällt, was macht man dann mit der Zeit? $ick scheint seinen Weg gefunden zu haben und sein offener Umgang mit den Geschehnissen aus der Vergangenheit hilft ihm jetzt in seinem Leben klarzukommen. »Es kommt auch noch ein zweites Buch, ich habe bei Weitem noch nicht alles erzählt. Das kann ich wegen Verjährung von Straftaten aber erst 2019 erzählen«, grinst er schelmisch vor sich hin.

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Wegen der großen Nachfrage wird es am 24. April 2018 eine zweite Lesung von $ick im NAUMANNs geben.

Beitragsbild: Autor $ick an seinem Lesetisch. © Marleen Plaaß


Die Veranstaltung: Shore, Stein, Papier – Alles andere als eine Lesung, NAUMANNs Leipzig, 14.2.2018, 20 Uhr

Das Buch: $ick: Shore, Stein, Papier – Mein Leben zwischen Heroin und Haft. Piper, München 2016, 432 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 9,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Marleen Plaaß

 


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