»Hatte vielleicht etwas mit Liebe zu tun«

Angelika Klüssendorf liest aus Aprils letzten Kapiteln. Ein Gespräch mit Jan Valk über defekte Beziehungen und Heilungsprozesse.

Angelika Klüssendorf. © Gene Clover

Obwohl ich eine halbe Stunde zu früh bin, gibt es keinen Platz mehr für mich im Apothekenmuseum am Thomaskirchhof. Im größten Ausstellungsraum stehen ein Tisch und Stühle. In den angrenzenden Räumen stehen weitere Stühle. Ich selbst sitze auf einem Kissen auf dem Boden in einem Nebenraum und kann Frau Klüssendorf nicht einmal sehen. Macht nichts, denke ich und konzentriere mich ganz auf die Lesung und das moderierte Gespräch.

Mit April hat Angelika Klüssendorf eine Frau geschaffen, die ihresgleichen sucht in der deutschen Literatur der letzten Jahre. Nach einer schwierigen Kindheit und der Flucht aus der Langeweile der DDR, die in den Büchern »Das Mädchen« und »April« beschrieben werden, läutet Angelika Klüssendorf mit »Jahre später« das letzte Kapitel für April ein. Es wird in der Befreiung aus der toxischen Partnerschaft enden und den wirklichen Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere bedeuten.

© Kiepenheuer & Witsch

Und obwohl von Anfang klar zu sein scheint, dass es nicht gut ausgehen kann für Ludwig und April, so hofft man doch zu gleichen Teilen, dass es nie enden möge und wünscht sich doch, dass es endlich zu Ende geht. Unparteiisch, fast kühl und in sehr minimalistischer Prosa werden wir durch die Episoden geführt, vom ersten Kennenlernen bis zum letzten Aufbäumen ihrer Beziehung. Überhaupt hat man das Gefühl, an dem Buch sei kein Gramm zu viel. Immer wieder bringt Angelika Klüssendorf die Gefühle ihrer Charaktere so klar und präzise auf den Punkt, dass es schmerzt. April betäubt sich und macht betrunken Faxen. Sie stoppt erst, als sie den bevormundenden, erwachsenen Blick Ludwigs sieht und denkt: »Sein Blick hatte vielleicht etwas mit Liebe zu tun.«

Ein sehr aufwühlendes Buch über Verletzungen und Defekte, die uns ein Leben lang begleiten können. Wie viele Beziehungen aus defektbehafteten Gründen bestehen bleiben, Angelika Klüssendorf weiß es nicht. Gleichermaßen ein Coming-of-Age-Roman wie das Porträt einer sehr stürmischen Ehe zweier Menschen, die zwischen allen Stühlen stehen.

Beitragsbild: Jan Valk (links) mit Angelika Klüssendorf (rechts). © Sebastian Adam


Die Veranstaltung: Angelika Klüssendorf liest aus Jahre später, Moderation: Jan Valk, Apothekenmuseum, 16.3.2018, 20.30 Uhr

Das Buch: Angelika Klüssendorf: Jahre später. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 160 Seiten, 17 Euro, E-Book 17,50 Euro


 

 

Der Rezensent: Sebastian Adam

 


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