Harry Potter goes East

Fanfiction mit Augenzwinkern.

Wer sich als Potterhead fragt, wo sich das deutsche Pendant zu Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei in England, der französischen Beauxbatons-Akademie oder dem osteuropäischen Durmstrang-Institut für Zauberei befindet, stößt in der Fanfiction recht häufig auf den Vorschlag: im Harz. Wo sonst, wenn nicht auf dem Brocken, der mit der Walpurgisnacht traditionell mit Hexen in Verbindung gebracht wird, könnte man Magie besser erlernen.

Der Dresdner David Pawn füllt die Sache mit Leben und verortet die magische Schule in Hohneklippen im Harz. Damit siedelt er seine »Zaubertränke«-Reihe in einer von ihm erdachten Zauberwelt im Osten Deutschlands an. »Hier gibt es Ämter«, lässt uns der Autor wissen und sorgt damit für ein weiteres lautes Auflachen des Publikums. Überhaupt scheint man sich gut unterhalten zu fühlen, vor allem in der ersten Reihe. Dort sitzt ein kleiner Fanclub, der sich nicht lumpen lässt und häufig lauthals lacht. Ein bisschen unangenehm wenn man, den Lachsalven geschuldet, seine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann.

Pekunaria_CoverDoch man kann sich tatsächlich amüsieren über den heute vorgestellten zweiten Band der Reihe mit dem in Wernigerode lebenden Protagonisten Sophus, einem drittklassigen Zauberer und Besenbinder mit besonderem Talent für Zaubertränke und Fehltritte. Anders als der mutige und tugendhafte Held Harry Potter versucht sich Sophus im Alleingang an der Rettung von Deutschlands magischer und nichtmagischer Bevölkerung, die – ausgelöst durch einen Zaubertrank – von wahnhafter Geldgier befallen ist. Das bringt die Zauberer in eine prekäre Lage, beschäftigen sie sich doch sonst nicht mit Einsparungen, vermögenswirksamen Geldanlagen und steuerlichen Vorteilen. Auch das deutsche Krankenkassensystem nimmt Pawn aufs Korn: Die Privatpatienten – eine »Muggel«-Erfindung für mehr zahlende und ergo besser und schneller zu behandelnde Patienten – seien eine gute Idee, verkündet Lyra, die Freundin von Sophus, die ein Beinklammerfluch ans Bett fesselt.

Bei dieser und weiteren Textstellen zeigt der Autor, wie gut er vorbereitet ist: Die zeternde Lyra spricht er schnell und mit hoher Stimme und unterstreicht mit Gesten ihre Ausrufe. Resümee zu dieser Veranstaltung: Nach Tag drei auf der Messe und zahlreichen gehörten Lesungen beschleicht mich das Gefühl, dass sich Selfpublishing-Autoren mehr Mühe geben, ihre Werke zu präsentieren.

Wer nun Lust hat, sich innerhalb einer Welt ähnlich der von J.K. Rowling auf einen seichten, aber witzigen literarischen Ausflug zu begeben, kommt hier auf seine Kosten. Die sechsbändige »Zaubertränke«-Reihe erfindet die Zauberwelt nicht neu, sondern überträgt sie mit Humor in unser »über«-bürokratisiertes Deutschland. Eins noch: An all jene, die Fanfiction für Blasphemie halten: Nehmt es nicht zu ernst.


Die Veranstaltung: David Pawn liest aus Pekunaria, Leseinsel Autorengemeinschaftspräsentation, Halle 5, 19.3.2016, 12.30 Uhr

Das Buch: David Pawn: Pekunaria. Qindie 2014, 228 Seiten, E-Book 3,99 Euro


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Die Rezensentin: Natascha-Valerie Conrad

 


 

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