»Hallo Herr Nazi, hätten Sie Lust, mit mir zu sprechen?«

Mo Asumang liest im vollbesetzten Stadtverordnetensaal aus ihrem Buch »Mo und die Arier« und erzählt von ihren Begegnungen mit Neonazis und Rassisten.

Dort, wo sonst über den Stadthaushalt Leipzigs entschieden wird, nimmt jetzt Mo Asumang Platz, um über ein Thema zu sprechen, dass aktueller nicht sein könnte. Sie erfuhr, wie es ist, Opfer von Neonazis zu sein. Wer ihre Dokumentation »Die Arier« kennt, weiß bereits, dass sie sich nicht in dieser Opferrolle verkriecht, sich stattdessen aktiv mit rassistischem Gedankengut und den Menschen dazu auseinandersetzt.

Asumang wählt einen heftigen Einstieg: Wie geht man mit einer Morddrohung um? Sie schildert, wie sie den Song, der diese Drohung enthält, zum ersten Mal hört. Es herrscht eine beklemmende Stille im Saal. Asumang beschreibt ihre Angst, hinter jeder Ecke könnte jemand auf sie warten. Doch sie will sich davon nicht unterkriegen lassen, schreibt dem Verfasser des Songs einen Brief. Darin drückt sie ihr Unverständnis darüber aus, wieso er sich herausnimmt, sie töten zu wollen, obwohl er sie doch gar nicht kennt. Sie ist »enttäuscht, dass ich jetzt dich an der Backe hab. Ja dich, denn schließlich hast du mich ja gerufen, nicht ich dich, dass das mal klar ist«. Wie sie weitermacht, davon erzählt sie nun.

Mo und die ArierDazu gehört die Geschichte, wie sie auf ihren »ersten Nazi« trifft, und wie sie als junge Frau als Taxifahrerin von einem Mann mit dem Gesicht gegen ihr Auto geschmettert wird – und das nur, weil sie eine andere Hautfarbe hat. Das sind schaurige Geschichten, die normalerweise nicht zum Lachen sind. Asumang schafft es jedoch durch ihren Text, die abstruse rassistische Gedankenwelt so darzustellen und mit eigenen Überlegungen zu versehen, dass man doch darüber schmunzeln muss. Zwischen den Vorleseparts gibt sie auch den Hinweis an die anwesenden Zuhörer, sich von »Pausenhofaggressoren« nicht provozieren zu lassen oder gar in Panik zu verfallen. Diese würden es nur als Aufruf sehen, weiter zu hetzen oder »die nächste Aktion hinterherzuschieben«.

»Hallo Herr Nazi, hätten Sie Lust, mit mir zu sprechen?« Dieser einfache Weg funktioniere nicht, um mit Rechten ins Gespräch zu kommen. Eine Möglichkeit dazu gab ihr aber eine Online-Dating-Website, über die sie als »Moni_in_Berlin« Kontakt zu Männern mit nationalem Gedankengut aufnahm. Als sie ausführt, wie sie es tatsächlich schaffte, sich mit einem Mann zu verabreden, ohne dass er ihre Hautfarbe kennt, rechnen die Zuhörer vor dem Aufeinandertreffen mit dem Schlimmsten. Am Ende bekundet der Mann jedoch sogar Interesse an einer partnerschaftlichen Beziehung mit Asumang, und man sieht in vielen Gesichtern der Anwesenden die Fragezeichen über die Glaubhaftigkeit dieser national denkenden Männer.

Im kurzen persönlichen Gespräch nach der Lesung freut sich Asumang, dass in einem studentischen Medium über sie, ihr Buch und ihr Anliegen gesprochen wird. Passend dazu trägt sie an ihrem Pullover einen Button mit dem Spruch »Uni ohne Vorurteile«: ein Aufruf an alle, aufmerksam und wachsam zu sein. Zum Abschied wünscht sie mir »gut bloggen gegen Rassisten«. Diese starke Frau will definitiv kein Opfer sein.


Die Veranstaltung: Lesung von Mo Asumang auf der MDR Sputnik LitPop, Neues Rathaus Leipzig, 19.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Mo Asumang: Mo und die Arier: Allein unter Rassisten und Neonazis. S. Fischer, Frankfurt a. Main 2016, 272 Seiten, 14,99 Euro


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Der Rezensent: Tommy Dütsch

 


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