Große Gedichte und kleine Komplimente

Von einem Dichter, der seine Frau mit poetischen Zeilen verführen will oder wohl eher von einer Frau, die ihrem Ehemann ständige Anerkennung schenken muss?

Zur heutigen Lesung am Samstag, dem 29.05.2021 um 19:00 Uhr, habe ich mich mit meinem Mann und einem Glas Wein vor den Laptop gesetzt. Gespannt warten wir den Countdown der Veranstaltung mit dem passenden Titel »Mein Mann« ab. Als die Lesung beginnt, sehen wir eine Art Kurzfilm mit Intro und Abspann und erfahren, dass der Veranstalter der heutigen Performance Traduki ist. Es handelt sich um Literatur aus Südosteuropa und ist somit Teil der Archipel Jugoslawien Reihe von 1991 bis heute. »Mein Mann« wurde von Rumena Bužarovska geschrieben und dank Benjamin Langer können wir den Inhalt auch auf Deutsch genießen. Illustriert wurde die Lesung von Samira Kentrić. Während der fünfzehnminütigen Veranstaltung sehen wir keine Gesichter, nur Frau Kentrićs Hände, die Bilder kreieren und wieder einstürzen lassen. Sehr weibliche, schöne Hände, mit rotem Nagellack verziert und zärtlich durch die Lesung leitend, animieren die Bilder zum Text. Beginnend mit Schablonen, die dem Scherenschnitt ähneln, erschafft sie einen engelsgleichen Mann und wie uns die Sprecherin Susanne Bormann erzählt, ist das der Dichter. Ein Mann, in den man sich verlieben konnte, der aber auch wusste wie, berichtet seine Frau in der einen von insgesamt elf verschiedenen Geschichten. »Als ich jung und dumm war und auf solche Tricks reingefallen bin.«, sagt sie. In ihrer Stimme vernehme ich ein kleines Schmunzeln, aber zugleich auch Enttäuschung und Frustration. Ähnlich frustrierend berichtet sie uns von ihrer gesamten Ehe mit dem Dichter, wie er anfangs noch Gedichte für sie als seine Muse schrieb und wie er nun Anerkennung daraus bezieht, um sich zu bestätigen, ja, auch um sich zu erregen. »›Orchidee, öffne dich‹, und dann öffne ich mich.«, berichtet sie von seltenen, intimen Momenten, die jedoch nicht seine Lust auf sie zum Ursprung haben. Es geht um Machtverhältnisse in patriarchalen Beziehungen und wie jeder Versuch von Emanzipation scheitert. Passend dazu haben die eleganten Hände Kentrićs das Heldenbild des Mannes zerrissen, darunter erscheinen Bilder von einem Hahn, der seine Henne dominiert. Es wird eine Geschichte präsentiert über die Unterdrückung der Weiblichkeit und doch zeigt das letzte Bild das weibliche Geschlecht in seiner Schönheit selbst. Liebevoll streicheln die Hände das Kunstwerk und geben der Ehefrau die Würdigung, die sie in ihrer ganzen Ehe nicht bekommen hat.

Beitragsbild: © Aileen Schlicht, zu sehen ist Samira Kentrić während der Performance am 29.05.2021


Die Veranstaltung: Rumena Bužarovska, Samira Kentrić, Susanne Bormann, Traduki, online, 29.05.2021, 19:00 Uhr.


Das Buch: Bužarovska, Rumena: Mein Mann. Stories. Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer. Suhrkamp Verlag 2021. 171 S., 22,00 €.


 

 

Die Rezensentin: Aileen Schlicht

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