Glasflügel oder Sommerfuglen

„Der unscheinbare Schmetterling ist der gefährlichste.“: neuer Kopenhagen-Thriller von Katrine Engberg.

© Diogenes

Kommissar Jeppe Kørner hat einen neuen Fall. In einem Springbrunnen wird eine Leiche gefunden. Viele bizarre Wunden an ihrem Körper lassen darauf schließen, dass sie verblutet sein muss, bevor ihr Schicksal dort endete. Doch dabei soll es nicht bleiben. Eine neue Leiche taucht auf, ermordet auf eben jene obskure Weise. Der Zusammenhang: beide Opfer arbeiteten in einer Wohnstätte für psychisch auffällige Jugendliche, Sommerfuglen. Kørner und seine pro forma beurlaubte Partnerin Anette Werner beginnen dort ihre Suche nach Erklärungen.

Das Buch begleitet die sechs Tage, in denen Kørner ermittelt, wobei alle Geschehnisse der jeweiligen Tage aus Sicht verschiedener Figuren erzählt werden. Dieser Aufbau provoziert kontinuierlich Spannung, da die verschiedenen Teilgeschichten immer genau dann enden, wenn man am meisten verlangt, dass sie weitergehen. Die darin vorgestellten Figuren und deren Beziehungen zueinander ergänzen sich stetig zu einer großen, zusammengehörigen, wenn auch dadurch teilweise unübersichtlichen Erzählung. Sommerfuglen müsste der Krimi eigentlich heißen, scheint es doch, als würden alle Fäden dort zusammenlaufen.

Trotz des wenig innovativen Aufbaus kitzelt Katrine Engbergs Art zu erzählen das Interesse des Lesers. Immer wieder erwischt man sich, trotz depressiv stimmender Einblicke in das Herz des Gesundheitssystems, beim Schmunzeln. Die Lockerheit ihres Schreibstils tut gut, um die düsteren Figuren und aussichtslosen Probleme in „Glasflügel“ zu ertragen. Durch die gefühlsbetonte Erzählart wachsen dem Leser die Figuren sehr ans Herz. Sogar so sehr, dass die Gedankengänge des Mörders so nachempfindbar werden, dass es schwerfällt, diesem die übliche Rolle des „Bösewichts“ zuzuschreiben.

Wenn auch wenig überraschend in seinem Voranschreiten, regt der Krimi zum Nachdenken über gern verdrängte Themen an. Wer gerne klassische Krimis mit zufrieden stellendem Ende liest und einen leicht depressiven Kommissar mit Liebesproblemen verlangt, den wird „Glasflügel“ nicht enttäuschen.


Das Buch: Katrine Engberg: Glasflügel. Ein Kopenhagenthriller. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Diogenes Verlag, Zürich 2020, 432 Seiten, 20 Euro, E-Book 16,99 Euro


Die Rezensentin: Saskia Krüger

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