Ganz normal unnormal

Dominique de Marné spricht über mentale Ungesundheit und versichert, dass »Normal Sein« gar nicht so normal sei. Ein Gespräch mit Lesung zur Leipziger Buchmesse. 

Es ist für mich die erste Lesung des ersten Messetags der Leipziger Buchmesse. Den ganzen Vormittag waren in meinem Kopf die Sorgen umhergeschwirrt: Was ist, wenn ich zu spät komme, weil ich die Leseinsel Religion nicht finde? Was ist, wenn ich keinen guten Sitzplatz bekomme? Was ist, wenn ich gar keinen Sitzplatz bekomme? Wie soll ich dann mitschreiben?

Einen Sitzplatz habe ich bekommen, ganz vorn in der Mitte, direkt vor Dominique de Marné. Erkannt habe ich sie schon von Weitem, sie trägt das gleiche Haarband wie auf dem Cover ihres Buches »Warum normal sein gar nicht so normal ist … und warum reden hilft«. Sie strahlt und scherzt ausgelassen mit Dagmar Olzog, der Leiterin des Scorpio Verlags, bevor diese das Publikum begrüßt und das Gespräch mit de Marné beginnt.

Dominique de Marné liefert sich seit über 15 Jahren jeden Tag einen Kampf mit ihrer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline, mit Depression und mit »Mr. A« – ihr Spitzname für den Alkohol. Eine Diagnose bekam sie allerdings erst vor sechs Jahren und hat seitdem viel Unterstützung in ihrem Kampf gegen ihre drei ständigen Begleiter erhalten. Vor 2013 suchte sie stets die Fehler bei sich selbst – sie sei einfach zu faul, zu dumm, um das Leben zu meistern, sowie es die Menschen um sie herum zu meistern schienen. Während ihrer stationären Therapie wurde ihr erst bewusst, wie seltsam unser Umgang mit dem Thema »mentale Gesundheit« sei. Wie wir als Gesellschaft noch viel zu viel vertuschten, statt offen darüber zu reden. De Marné bezeichnet die zehn Jahre, die sie ohne Diagnose lebte und dachte, sie sei absolut allein in ihrem Leiden, als »verlorene Jahre«. Diese Zeit wolle sie anderen gern ersparen, das sei auch die Motivation hinter ihrem Buch gewesen.

Dominique de Marné © Helmholz-Vero

Das Buch ist teils eine Darstellung von de Marnés eigenen Erfahrungen, teils eine Informationssammlung zu Themen wie Borderline, Depression und Alkoholismus. Es kann aber auch als Ratgeber für Betroffene und Angehörige fungieren. De Marné hat eine wunderbare Art des Schreibens, sehr locker und mit Witz, welche dazu beiträgt, dass dieses noch so unterbelichtete Thema normalisiert wird.

Sie spricht so offen und so ehrlich über ihre Erfahrungen mit der mentalen Ungesundheit vor einer Menge unbekannter Menschen in Halle 3, dass ich überrascht bin. Aber genau das ist es, was sie erreichen will – dass wir über solche Themen reden, egal wie unangenehm sie sind. Als mir dieser Gedanke durch den Kopf schwirrt, liest sie aus ihrem Buch passend den Abschnitt »Wir müssen reden!« vor. Hinter Stigmata und Vorurteilen lauert oft nur die eigene Unwissenheit. Wie geht man gegen diese vor? Man klärt auf, informiert, redet!

De Marné sieht sich selbst als eine von vielen Botschafter*innen von Mental Health, sie schreibt, hält Vorträge, geht an Schulen und spricht dort mit Schüler*innen jeglichen Alters. Sie erzählt wie dankbar diese meist seien, dass sich jemand einmal die Zeit nehme, um ihre Fragen entgegenzunehmen und zu beantworten. Denn wir alle haben entweder selbst oder in unserem Umfeld schon Begegnungen mit der mentalen Ungesundheit gehabt. Tatsächlich hat jeder dritte Deutsche mindestens einmal im Leben ein behandlungsbedürftiges psychisches Problem. Das zeigt die Allgegenwärtigkeit dieses Themas und macht die nächste Statistik, die Dominique de Marné erwähnt, umso schmerzhafter. Denn in Deutschland nehmen sich jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen das Leben. Alles, weil wir so eine Angst davor haben, als nicht normal abgestempelt zu werden. Obwohl das »nicht normal sein« gar nicht so unnormal ist.

Es gibt ein paar Fragen aus dem Publikum, de Marné redet über Achtsamkeit und wie ihr diese geholfen habe. Unsere Köpfe hätten magische Fähigkeiten, sagt sie, sie könnten uns in die Vergangenheit transportieren, an schlimme Momente, die wir nicht noch mal durchleben wollen. Oder eben auch in die Zukunft, indem sie uns Sorgen bereiten über Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Mein Kopf transportiert mich wieder an den heutigen Vormittag und wie ich mir so viele Sorgen gemacht habe, bevor ich das Messegelände überhaupt betreten hatte. Da sei es dann wichtig im Moment zu bleiben, erklärt de Marné. Wir sind gerade hier, auf der Messe in Halle 3 und hören ihr zu – alles andere kann erstmal warten.

Was nicht warten kann, ist der Applaus. Es bildet sich eine Schlange, um mit der Autorin persönlich ins Gespräch zu kommen oder das Buch signieren zu lassen. Auch ich stehe in dieser Reihe, absolut anwesend im Moment, und unglaublich dankbar dafür, dass es Leute wie Dominique de Marné gibt, die sich trauen, über die Dinge zu reden, die die meisten von uns lieber verschweigen.

Beitragsbild: Dominique de Marné im Gespräch mit Dagmar Olzog © Helmholz-Vero


Die Veranstaltung: Lesung und Gespräch mit Dominique de Marné über eines unserer größten Tabus: psychische Probleme, Moderation: Dagmar Olzog, Halle 3 Lesesinsel Religion, 21.3.2019, 11.30 Uhr

Das Buch: Dominique de Marné: Warum normal sein gar nicht so normal ist … und warum reden hilft, Scorpio Verlag, 2019, 240 Seiten, 18 Euro


Die Rezensentin: Olivia Helmholz-Vero

 

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