Früher war alles schon genauso furchtbar

»Generation Hoyerswerda« – Politische Spurensuche im linXXnet.

Man könnte diesen Text mit Verweisen auf die Wahlergebnisse der AfD beginnen oder auf die Übelkeit, die die groteske Präsenz der Zeitschrift »Compact« auf der aktuellen Buchmesse hervorruft. Aber die Thematik, derer Heike Kleffner und Anna Spangenberg sich in ihrem Buch »Generation Hoyerswerda« annehmen, benötigt gar keine schriftlichen Brücken, um individuell relevant zu sein. Rechte Gewalt ist präsent. Überall.

Moderatorin Juliane Nagel, Mitglied der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, und die Herausgeberinnen sind sich einig, dass die Thematik zu diffizil ist, um sie in Gänze in nur einem Buch erfassen zu können. Trotz dieser realistischen Einschätzung unternehmen die Autorinnen den Versuch, eine authentische Reflexion über nationalsozialistisch motivierte Gewalttaten speziell im Brandenburger Raum und deren politische bzw. soziale Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten zu bieten. Der Titel verweist dementsprechend nicht auf den Ort Hoyerswerda, sondern auf die Politisierung einer Generation im Lichte der Vorfälle von Hoyerswerda und Rostock Lichtenhagen. Damit wirft »Generation Hoyerswerda« Fragen auf, ohne sich Antworten anmaßen zu wollen: Welche Rolle spielten die V-Männer in den Gewalttaten der letzten Jahre? Hätten Tode verhindert werden können? Zurück bleibt eine wachsame Leserschaft.

Heike Kleffner, Anna Spangenberg und Moderatorin Juliane Nagel (v.l.n.r.). © Laura Gerlach
Heike Kleffner, Anna Spangenberg und Moderatorin Juliane Nagel (v.l.n.r.). © Laura Gerlach

Überhaupt ist dieser Abend eine Veranstaltung zum aufmerksamen Selbstdenken. In Connewitz eine feste Größe, ziehen die Buchhandlung El Libro und das angrenzende Abgeordnetenbüro linXXnet Gleichgesinnte an, die sich für Hintergründe politischer Phänomene interessieren. Die Lokalität tritt dabei in den Hintergrund und wird dem Anlass in ihrer Zweckmäßigkeit mehr als gerecht. Wer Getränke möchte, kann zwischen Bier und Club Mate wählen und zahlt in die Kasse des Vertrauens. Dem Publikum genügen alte Polstermöbel und Schulstühle, der Fokus liegt ohnehin auf den Rednern.

Heike Kleffner und Anna Spangenberg sind durch ihre Tätigkeit in Bündnissen gegen rechte Gewalt und Rechtsextremismus ausgewiesene Expertinnen. Sie beleuchten die Materie kompetent und frei von ideologischer Verblendung. Juliane Nagel führt kompetent durch die Masse an Informationen und hinterfragt Sachverhalte, deren Erklärung die Absurdität der Dreiecksbeziehung V-Männer – Verfassungsschutz – rechte Gewalt ungeschönt darstellt. Man verlässt die Lesung nicht »Hach, was für ein schöner Abend« seufzend. Man verlässt sie mit gerunzelter Stirn und Handlungsdrang. Für mich das bestmögliche Resultat.


Die Veranstaltung: Heike Kleffner und Anna Spangenberg lesen aus Generation Hoyerswerda, Moderation: Juliane Nagel, LinXXnet, 18.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Heike Kleffner und Anna Spangenberg: Generation Hoyerswerda. be.bra Verlag, Berlin 2016, 304 Seiten, 20 Euro


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Die Rezensentin: Laura Gerlach

 


 

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