Freiheit ist die Freiheit, Freiheit zu nutzen

Shokjang ist ein tibetischer Schriftsteller, der momentan für seine Texte in chinesischer Gefangenschaft sitzt. Sein Buch »Für Freiheit bereue ich nichts« wird von seinem guten Freund und politischen Mitstreiter Golog Jigme vorgestellt. Das Buch ist eine Sammlung von Essays und Gedichten, die vor der Zeit der Haftstrafe entstanden sind. Das Interview wurde vom Tibetischen ins Deutsche durch Migmar Dhakyel übersetzt, die auch Projektkoordinatorin des Buches ist.

»Dieses Buch ist kein gewöhnliches Buch. Es ist ein Akt des Widerstands und ein Weckruf an die Welt.«

Leipzig lauscht: Wie kommt es, dass Sie das Buch vorstellen?

Golog Jigme: Das Buch auf Deutsch zu veröffentlichen war eine gemeinsame Idee, aber umgesetzt und finanziert hat es die Tibet Initiative Deutschland. Ich spreche hier im Namen meines Freundes und signiere die Bücher für ihn, weil er in Haft sitzt. Wir sind sehr eng befreundet, wir kennen uns schon sehr lange und sind uns sehr verbunden, auch in unserem Kampf für die Rechte der Tibeter. Als ich inhaftiert war, hat er sich für mich eingesetzt. Jetzt ist er inhaftiert und natürlich setze ich mich für ihn ein, vor allem, weil ich jetzt in einem freien Land lebe. Das ist der Grund, warum wir das Buch herausgeben und es ist ein sehr schöner Moment, dass es geklappt hat.

Das Buch und die Texte sind auch in Tibet erschienen, wie kamen die Texte nach Deutschland?

Golog Jigme: In Tibet ist ein Buch mit dem gleichen Titel von Shokjang erschienen, allerdings sind es nicht exakt die gleichen Texte. Das Buch, das er veröffentlicht hatte, ist ebenso eine Sammlung von Essays. Wir haben den gleichen Titel benutzt, aber ein bisschen andere Texte von ihm genommen. Es war so, dass wir den Text »Notiz zur Freiheit« auch aufnehmen wollten. Den mussten wir aus dem Originalbuch beschaffen, weil er nicht im Internet war. Das war ein großes Abenteuer und die Zeit wurde immer knapper. Obwohl wir ganz viele Leute in Tibet kontaktiert haben, war es sehr schwer, den Text zu bekommen. Zum Teil ignorierten die Leute uns, weil sie wahrscheinlich Angst hatten, und zum Teil konnte man die Personen gar nicht erreichen. Die Zeit lief uns davon, wir haben Tag und Nacht darüber nachgedacht, wie wir an diesen Text kommen. Am Ende, als ich dachte, dass ich schon alle Leute kontaktiert hätte, habe ich mich an einen Mönch erinnert. Dieser Mönch war ein großer Fan von Shokjang und er hat alle seine Texte gelesen. Ich konnte mich erinnern, dass ich es damals für ihn signieren lassen hatte. Ich habe ihn sofort kontaktiert und er hat dann Seite für Seite abfotografiert und geschickt. Das war fast ein kleines Wunder!

© Lungta Verlag

Was waren die Probleme bei der Übersetzung?

Migmar Dhakyel: Die Übersetzung war extrem schwierig, was man vielleicht auch jetzt noch beim Lesen merkt. Tibetisch ist nicht nur eine Sprache, es ist eine Kultur, eine Geschichte, ein kultureller, religiöser, politischer, sozialer Kontext, den man nicht immer auf Deutsch übersetzen kann. Tibetische Sprichwörter, zum Beispiel, sind schwer zu übernehmen. Der Übersetzer hat mit mir diskutiert, es gab einige Wörter und Ausdrücke, die er nicht kannte, ich habe dann mit Golog Jigme diskutiert und wir haben zusammen versucht, die beste Lösung zu finden. Wir mussten viel mit Fußnoten arbeiten und manchmal mussten wir auch ein bisschen vom Original wegkommen, freier übersetzen und es auf Deutsch lesbar machen. Das war aber auch Golog Jigmes Rolle, er hat immer garantiert, dass wir den Kontext verstehen, er kennt Shokjangs Texte und den politischen Kontext in Osttibet. Ohne ihn hätten wir an vielen Stellen Probleme gehabt, den Kontext richtig wiederzugeben.

Haben Sie einen Lieblingstext oder -gedicht von Shokjang?

Golog Jigme: Mein Lieblingszitat von Shokjang ist: »Das Schicksal kann mir nichts vormachen. Das Schreiben ist das Karma, das mir die Götter oder wer weiß ich auferlegt haben, und wenn es um mein geliebtes Leben ginge, ich würde es nicht aufgeben!«

Shokjang sitzt momentan für drei Jahre in Gefangenschaft, die am Montag, den 19. März offiziell enden würde. Wie groß sind die Chancen, dass er dann wieder frei ist?

Golog Jigme: Wir haben alle Hoffnung, dass er aus der Haft kommt, aber Vertrauen haben wir nicht. Vertrauen in die chinesische Regierung haben wir nie.

Welche Bücher würden Sie empfehlen, wenn man »Für Freiheit bereue ich nichts« gelesen hat und sich weiter informieren möchte?

Golog Jigme: Die nächste Schriftstellerin, die ich empfehlen würde ist Tsering Woeser, eine tibetische Bloggerin, die in Peking lebt. Ihr Blog ist sehr bekannt unter Tibetern und Tibet-Interessierten, weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt und die wirkliche Lage beschreibt. Wenn man sich weiter informieren will, sollte man auf jeden Fall ihre Bücher lesen, es gibt ein paar Bücher auf Deutsch und viele auf Englisch. Dann gibt es noch ein Buch von Jamyang Kyi »A Sequence of Tortures: A Diary of Interrogations«, das ich sehr empfehlen kann. Außerdem gibt es viele gute Bücher über tibetische Geschichte und Politik, aber die wurden nicht übersetzt, weil die tibetische Literatur ein Nischenthema ist.

Sie leben momentan in der Schweiz. Was möchten Sie Deutschen und Schweizern mitteilen, als Person, die in Tibet lange Zeit erlebt hat, was es heißt, nicht in Freiheit zu leben?

Golog Jigme: Ihr seid die junge Generation, nicht nur von Europa, sondern auch von der ganzen Welt und ich denke, die jungen Studenten sind unsere Hoffnung für eine bessere Zukunft. Sie werden die Zukunft bestimmen. Deshalb habe ich eigentlich sehr viele Appelle an euch, aber das Wichtigste für mich ist, dass ihr wisst, dass es in Tibet keine Freiheit gibt und die Menschen dort unterdrückt werden. Dazu will ich ein Beispiel nennen: seit ich in der Schweiz bin, bin ich in Europa viel gereist und ich habe einen Reisepass. Bei meiner letzten Reise nach Belgien wurde ich am Flughafen nicht mal kontrolliert, noch nicht einmal mein Pass wurde angeguckt. Ich war so schockiert, als ich das mit Tibet verglichen habe, wo es überall Polizeikontrollen gibt, es unmöglich ist, sich frei zu bewegen. Für Tibeter ist es unmöglich von Provinz zu Provinz zu gehen oder von Stadt zu Stadt, ohne dabei durchsucht zu werden, ohne, dass dabei Gegenstände beschlagnahmt werden, dass man eine Strafe erhält, dass man schikaniert wird. Es gibt nicht einmal Bewegungsfreiheit, was wirklich schockierend ist. Es gibt im 21. Jahrhundert noch ein Land, in dem man sich nicht frei bewegen kann. Das ist die Lage in Tibet. Es ist wirklich wichtig zu wissen, dass China auch in Europa seine wirtschaftliche Macht ausnutzt.

Ich sage immer: Wir in Tibet werden von China durch Waffengewalt unterdrückt und ihr im Ausland lasst euch von seiner Wirtschaftsmacht unterdrücken. Es ist sehr wichtig, dass wir alle vorsichtig sind und die Entwicklungen kritisch hinterfragen.

Besonders, da ihr Studenten seid, finde ich es wichtig, dass ihr euch anschaut, wie China seine Propaganda an euren Universitäten verbreitet. Es gibt die Konfuzius Institute, die ein sehr positives, rein gewaschenes Image von China präsentieren. Diese gibt es an den Universitäten, die doch eigentlich autonom sein sollen und wollen. Schlussendlich darf man nicht naiv sein, auch China möchte Welteinfluss. Deshalb möchte ich euch sagen, das Thema Tibet betrifft uns alle als Menschen. Es ist mir wichtig, dass ihr euch informiert über die Lage in Tibet und es weitersagt. Nutzt euer Recht auf Meinungsfreiheit.

Beitragsbild: Die Moderatorin im Gespräch mit Migmar Dhakyel und Golog Jigme. © privat


Die Veranstaltung: Migmar Dhakyel und Golog Jigme stellen »Für Freiheit bereue ich nichts« für den Autor Shokjang vor, Moderation: Dinah Schmechel, Bücherei Albertina, 17.3.2018, 18.30 Uhr

Das Buch: Shokjang: Für Freiheit bereue ich nichts. Berlin 2018, 115 Seiten, 14,95 Euro


Die Rezensentin: Redakteurin Leipzig lauscht


 

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