Fragen an ein Buch

Ein Brief an Dominic Otiang’as Buch »Deutscher Traum«.

Liebes Buch,

es gibt so viele Deiner Spezies, keines ist wie das andere, und jedes ist auf seine Weise wertvoll. Du bist schmal, lässt uns mühelos eintauchen in die Gedanken eines anderen, so zum nebenbei Lesen gerade richtig.

Was ich dir aber Übel nehme ist, dass Du so bedeutungsschwanger daher kommst.

Glaubt der Leser den Worten Frank-Walter Steinmeiers, bist Du eine Offenbarung – endlich begreifen wir durch Dich das Leben eines Migranten! Aber Moment, deren spezifische Probleme wie beispielsweise die »Regelungen eines strengen Ausländergesetzes« bleiben nur am Rande erwähnt. Stattdessen kaust Du auf generellen (zwischen-)menschlichen Aspekten herum. Selbst Dein Titel »Der Deutsche Traum« bleibt eine leere Hülse. Ist die Hoffnung auf ein besseres Leben exklusiv deutsch? Dein Protagonist fühlt sich von der Welt zum freien Sklaven degradiert. Soweit privilegiert, dass er sich moralische Entrüstung über Zweckehen leisten kann, ist er dann aber doch. Überhaupt erscheint Jamba einfältig und unreflektiert. Da belächelt und kritisiert er die vermeintliche Dummheit der anderen und stellt nur seine eigene zur Schau. Meinst Du wirklich, damit lassen sich Brücken bauen, liebes Buch?

© Katja Suske
© Katja Suske

Wie Du auf der Buchmesse präsentiert wurdest, ist eine Fortsetzung dieser Diskrepanz. Da fallen die großen Worte Deines Klappentextes, klanglos vorgelesen von einer Kollegin Deines Autors. Die Hälfte des Publikums ist gar keins, Menschen gehen, kommen, ruhen sich kurz aus. Immerhin eine Handvoll findet sich trotzdem zum nachträglichen Gespräch. Und Überraschung: Dein Autor Dominic Otiang’a ist weniger Jamba als vermutet. Reflektiert und einsichtig räumt er ein, auch nicht frei von Vorurteilen zu sein und auch erst lernen zu müssen, dass Diskriminierung nicht nur eine Frage der Hautfarbe ist. Er wünscht sich halt, als Mensch wahrgenommen zu werden. Da bin ich ganz bei ihm.

Zwischendrin unterbricht seine Kollegin – eine kleine Gruppe Schülerinnen möchte eine signierte Ausgabe von Dir haben. Er fragt die Mädchen, ob er etwas Bestimmtes schreiben soll. »Kann er vielleicht ›Für die 19.‹ schreiben?«, fragt eine von ihnen die Kollegin. Dominic schreibt, überreicht Dich. »Dankeschön und viel Erfolg, Tschüß.« Huch, was war denn das? Fremdenfeindlich bestimmt nicht, fremdenängstlich vielleicht? Autorenängstlich, nur schüchtern? In der Begegnung mit Menschen müssen wir uns alle fragen (lassen), was uns da so im Kopf rumspukt. Wir sollten aber auch nicht in jedem Fauxpas eine Bedrohung sehen. Im Zweifel für den Menschen sozusagen. Davon hätte ich mir von Dir, liebes Buch, mehr gewünscht. Etwas weniger Jamba, ein bisschen mehr Dominic und ohne verkaufsorientierte Selbstüberhöhung.


Die Veranstaltung: Dominic Otiang’a liest aus Der Deutsche Traum, vorgestellt von Mira Witte, Leipziger Buchmesse, Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, 17.3.2016, 12.30 Uhr

Das Buch: Dominic Otiang’a: Der Deutsche Traum. Aus dem Englischen von Andreas Gründel, Edition Solitude, Stuttgart 2015, 128 Seiten, 15,00 Euro


Die Rezensentin: Katja Suske


6 Gedanken zu „Fragen an ein Buch

  1. Huh! ein ausländischer Autor Schatten Licht auf die Notlage von Migranten in Deutschland . Und dann? eine privilegierte Bio-deutsche bietet ihre patriotische Kritik. Darum geht das Buch.. so blind sind die privilegierte Bürgern im ‘welt Dorf’

  2. “»Der Deutsche Traum« bleibt eine leere Hülse. Ist die Hoffnung auf ein besseres Leben exklusiv deutsch?” diese frage ist mehr defensiv als objektiv. Ich komme aus Israel und bin Rechtanwätin in der Schweiz. Wonnte aber fruher in Freiburg. Rawila auf dem Buch ist für mich ein gigantischer Spiegel. Es ist klar, das deutsche sehr wenig über unsere situation als Ausländern wissen. welche rolle spielt Ausländerrecht in deinen Träüme als deutsche Frau in Deutschland?

  3. Und da das Buch ausschließlich in Deutschland von einem ausländischen Autor über benachteiligte Ausländern in Deutschland gesetzt, kann man über die Grenzen gehen nur wenn man einige defensive Taktik sucht. wenn man in USA lebt dann “The American Dream” bleibt exklusiv ‘American’ – from Zero to Hero. Die Elemente eines Traumes für ein besseres Leben in Deutschland ist bereits erläutert. deshalb ist “der deutsche Traum” richtig betitelt.
    “Weniger Jamba mehr Dominic?” Ich Weiss nicht ob das Buch eine Erinnerungsliteratur ist. Da bin ich von Zweifel befallen.
    LG
    Che

  4. »Dankeschön und viel Erfolg, Tschüß.« passt doch richtig! Nach einer Veranstaltung sollte man Verständnis haben, dass jeder mit dem Autor / der Autorin sprechen will Oder einfach ein selfie machen möchte. Für Diskussionen Schreiben Sie doch eine E-mail. Ich lese gerade das Buch. Als Nigerianer in Deutschland sind Jamba und Jefferson wie Freunde die ich kenne. Die Körpersprache des Autors deuten darauf hin, dass er sich nicht wohl in deutscher Sprache ( Ihre Muttersprache) fühlt obwohl er gut deutsch kann. Das ist sehr normal. Das beste Beispiel ist der deutsche Botschafter in Nigeria. Sehr gemütlich, freundlich und gut gelaunt wenn er auf deutsch spricht und sehr ruhig und nervös wenn er auf English muss. Diese Rezension ist von deutschen Perspektive geschrieben. Ohne Berücksichtigung einer Brille des Fremden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.