Kolumne: Film zum Buch, Buch zum Film

Mittlerweile kann man sie beinahe als eigenes Genre bezeichnen: die Literaturverfilmung. Ein Genre, das wie kein anderes gehasst wird und das doch zu den erfolgreichsten überhaupt gehört.

Immer wieder fragen wir uns: Brauchen wir einen Film zu unserem Lieblingsroman? Eigentlich nicht. Zumindest reden wir uns das ein, wenn wir ihn gelesen haben. Der Leser hat die Handlung vor seinem geistigen Auge erlebt, die Charaktere kennengelernt, hat eine genaue Vorstellung von ihnen. Man weiß genau, wie sie auszusehen haben. Der Film kann doch in zwei Stunden eh nicht dem Umfang der Romanhandlung und der Tiefe der Charaktere gerecht werden.

Und was passiert, wenn der Film dann doch Szene für Szene aus dem Roman, dem Theaterstück oder was auch immer übernimmt? Wir beschweren uns darüber, wie unnötig diese Verfilmung doch sei, weil sie so gar nichts Neues erfindet und die Handlung regelrecht klaut. Man kann doch lieber das Buch lesen. Umgekehrt beschweren wir uns, wenn sich eine Verfilmung die Freiheit nimmt, die adaptierte Handlung abzuwandeln. Die Literaturverfilmung ist also schon im Vorfeld zum Scheitern verurteilt.

Trotzdem: Steht man heute vor der Wahl, sich über Tage hinweg einsam mit einem Buch zurückzuziehen, während man doch die gleiche Handlung in knappen zwei Stunden auch in der Verfilmung erleben kann, greift der Großteil natürlich lieber zum Film. Der bietet immerhin in unserer schnelllebigen Zeit eine verführerisch bequeme Alternative.

Etwa 130 Verfilmungen von Romanen, Biografien, Theaterstücken etc. starten laut »moviepilot« allein in diesem Jahr im Kino. Dabei sind Literaturverfilmungen für das Fernsehen noch gar nicht mit eingerechnet. So wird sich Sat 1 nach der »Wanderhure« oder der »Ketzerbraut« mit Sicherheit auch in Zukunft durch das Arsenal von Mittelalter-Gestalten aus den Werken von Sabine Ebert, Iny Lorentz und anderen arbeiten. In der Zwischenzeit verfilmt RTL mit »Passagier 23« und »Das Joshua Profil« gleich zwei Romane des deutschen Psychothriller-Stars Sebastian Fitzek.

Warum? Weil es genug Menschen gibt, die sich die Filme ansehen, um danach darüber zu diskutieren, dass die Vorlage mal wieder viel besser war. Doch was heißt »besser«? Natürlich kann es sein, dass der Autor der Vorlage seine Geschichte glaubhafter, emotionaler oder tiefgründiger erzählt. Aber am Ende stehen sich ein meist mehrere hundert Seiten umfassendes Buch und ein etwa zwei Stunden langer Film gegenüber. Zwei verschiedene Medien, in denen das Erzählen von Geschichten völlig anders funktioniert.

Läuft der Film im Kino, zieht der Buchmarkt natürlich schnell nach und veröffentlich den verfilmten Roman als Neuauflage mit Filmposter und dem Aufkleber »Das Buch zum Film« auf dem Cover. Das eine Medium dient mittlerweile als Werbung für das andere. Der Leser kann sich vor der Verfilmung also gar nicht mehr drücken. Im Jahr 2017 ist es eine Tatsache, dass es zu jedem erfolgreichen Buch eine Verfilmung geben wird, weil es nach wie vor funktioniert, den Rezipienten doppelt abzukassieren. Fragwürdige Erfolge wie die »Fifty-Shades-of-Grey«-Reihe sprechen für sich. Aber sind wir doch mal ehrlich: Am Ende freuen wir uns doch regelrecht darauf, uns über die Verfilmungen zu echauffieren.

 

Foto: © Kenneth Lu, Creative Commons


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Janick Nolting

 


 

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