Festakt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus Leipzig

Die Leipziger Buchmesse wurde eröffnet: feierlich, politisch und mit einer Preisträgerin, die für eine Geschichte ausgezeichnet wird, die wir alle niemals erleben wollen.

Am Mittwochabend war der Augustusplatz vor dem Gewandhaus gut gefüllt. Man musste sich ab und an ein wenig durchdrängeln, wenn man zur Eröffnungsveranstaltung der Buchmesse wollte. Aber nicht, weil zu viele Gäste auf den Einlass gewartet haben – sondern weil sich rund 400 Leute auf dem Augustusplatz versammelt haben, um ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen. Sie demonstrierten gegen rechte Verlage – welche der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf der Buchmesse zugelassen hatte. Und das sind heute die Bilder, mit denen über die Eröffnung der Buchmesse in den Medien berichtet wird – und das völlig zurecht.

Das Gewandhaus ist eine beeindruckende Kulisse, wahrscheinlich hätte es keinen besseren Ort für diese Veranstaltung gegeben. Nachdem das Gewandhausorchester – welches seinen 275. Geburtstag letzte Woche feiern durfte – spielte, wurde es ruhig. Dr. Skadi Jennicke kommt auf die Bühne. Die Leipziger Kulturbürgermeisterin geht in ihrer Rede sofort auf die Demonstrationen vor dem Gebäude ein. Sie spricht sich für eine Meinungsfreiheit aus und macht den Gästen Mut, Fremdenfeindlichkeit weiter klar entgegenzutreten. Mit Applaus geht sie von der Bühne und Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels beginnt zu sprechen. Er rutscht in eine Rechtfertigungsrolle. Er gehört zu dem Gremium, welches unter 3.600 Ausstellern fünf zulässt, die dem rechten Spektrum zugeordnet werden. Buchmessen seien für eine Auseinandersetzung da, sollen den Dialog fördern und eine Meinungsfreiheit auch jenen zugestehen, denen wir nicht zustimmen, sagte er. Aber er räumte auch ein, dass ein solcher gewünschter Dialog schwierig werden kann, wie die Auseinandersetzungen auf der Frankfurter Buchmesse zeigten. Michael Kretschmer, der neue Ministerpräsident des Freistaates Sachsen lobt, dass die Buchmesse politisch ist: »Die oft beschriebene Spaltung der Gesellschaft in den vergangenen Jahren ist nicht durch zu viel Diskurs entstanden, sondern durch Unterlassen«. Gleichzeitig mahnt er, die fünf rechten Verlage in ein Verhältnis mit 3.600 Ausstellern zu setzen: »Welchen Wert, welche Aufmerksamkeit wollen wir den Menschen schenken, die am Rande der Gesellschaft stehen?«.

In der Festrede des rumänischen Außenministers Teodor Meleșcanu drückt er die besondere Beziehung Rumäniens zur Bundesrepublik aus: politisch, wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Fast 50 Schriftsteller und Künstler aus Rumänien werden auf der Buchmesse zu Gast sein und den Besuchern das Gastland näherbringen.

Åsne Seierstad bei ihrer Dankesrede © Leipziger Buchmesse

Und dann wurde den Gästen die Autorin Åsne Seierstad nähergebracht, die an dem Abend den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für das Buch »Einer von uns« bekommen hat. Schriftstellerin und Journalistin Verena Lueken hält die Laudatio, durch die das Publikum das Buch beginnt zu fühlen. Es ist ein Gefühl der Betroffenheit, das sie auslöst, als sie die Geschichte des Buches erzählt. Am 22. Juli 2011 brachte der Norweger Anders Behring Breivik in Oslo 8 Menschen mit einer Bombe um. Anschließend erschoss er 69 Menschen auf einer Insel, die Hälfte von ihnen war nicht einmal 18 Jahre alt. Ein Terroranschlag in einem der Länder mit den glücklichsten Menschen, durch eine Gefahr von innen, denn der Täter gehörte keiner fernen Terrororganisation an, sondern war »Einer von uns«. Und dieses Gefühl der Betroffenheit bleibt. Es bleibt auch, als Åsne Seierstad in ihrer Dankesrede auf Deutsch erklärt, wie sie als Journalistin zu Hinterbliebenen ging, Verhörprotokolle durcharbeitete und bei Breiviks Verhandlung dabei war. Sie erklärt, in welchen Zwiespalt sie die Recherchen brachten: »Als Mensch empfand ich tiefe Trauer angesichts des Massakers […]. Ich war wütend auf den Mörder. […] Als Schriftstellerin bemühe ich mich, meine Wut zu beherrschen«. In ihrer Rede macht sie darauf aufmerksam, dass Rechtsextremismus in Europa zunimmt. Und um diesen zu bekämpfen, sagte sie, muss man ihn verstehen – und dazu trägt sie mit ihrem Buch bei.

Beitragsbild: Festakt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse. © Leipziger Buchmesse


 

 

Der Rezensent: Marvin Kalies