Familie und Zeitgeschichte

Lorenz Völker auf den Spuren seines Großvaters.

Haben Sie schon einmal die Geschichte Ihrer Familie erforscht? Was würde Sie wohl erwarten? Und wie würden Sie damit umgehen, wenn sich herausstellt, dass Ihr Großvater ein Nazi war? Lorenz Völker erklärt in einem Gespräch, welche Anreize er für die Recherche über das Leben seines Großvaters Hans Dombois hatte, wie er vorging und zu welchen Ergebnissen er gelangte. In einer kleinen Leseecke mitten auf der Leipziger Buchmesse findet sich ein sehr gemischtes Publikum zusammen. Der Autor Lorenz Völker, Lehrer für Sport und Geschichte an einem Berliner Gymnasium, scheint sichtlich verblüfft über den Andrang.

Kruschner_Bild Lorenz Völker_2016-03-17 Cover»Er war ein kleiner Mann mit dicker Brille, aber er strahlte immer Wärme aus«, erzählt er, als der Moderator fragt, welches Bild ihm von seinem Großvater in Erinnerung geblieben ist. Dann schildert Völker, was ihn dazu veranlasste, die Vergangenheit seines Großvaters aufzuarbeiten. Alles begann mit einer einfachen Nachforschung für seine Mutter, wofür er online bei der Bundeswehr recherchierte. Mit dem Ergebnis konnte er jedoch nicht viel anfangen und suchte weitere Quellen. Dabei stieß er unter anderem auf die »Entnazifizierungsakte«, die das Leben des Hans Dombois vor 1945 dokumentiert und ihn in die Kategorie »Mitläufer« einstuft. Außerdem fand er eine Personalakte aus der Zeit, als der Großvater als Jurist in Potsdam arbeitete. In seinem Buch rekonstruiert er diesbezüglich zwei Fälle, bei denen Dombois als Vertreter der Staatsanwaltschaft beteiligt war und welche den Enkel heutzutage vor die Frage stellen: »Auf welcher Seite stand mein Großvater eigentlich?«

Eine zentrale Rolle im Buch von Lorenz Völker nimmt die Suche auf den Spuren der Vergangenheit ein. Er möchte Menschen dazu ermutigen, sich ebenfalls Fragen zu stellen und nachzuforschen. Jeder sei in der Lage, die Geschichte seiner eigenen Familie zu ergründen.

Durch seine persönliche Aufarbeitung hat er beispielsweise dazu beigetragen, dass für Alfred Lehmann Stolpersteine in Potsdam verlegt werden konnten. Dieser wurde 1938 wegen »Rassenschande« schuldig gesprochen und im Zuge seiner Haft in einem Konzentrationslager ermordet. Das Aufeinandertreffen mit den Hinterbliebenen, so Völker, konfrontierte ihn nicht wie erwartet mit der Schuldfrage, denn der Neffe des Opfers umschrieb das Treffen als Erfahrung aus zweiter Hand.

Warum er aus dem Fragezeichen in seinem Buchtitel am Ende trotz des zutage getretenen Falls Lehmann kein Ausrufezeichen setzte, erklärt Lorenz Völker damit, dass es für ihn nicht wichtig ist, ob sein Großvater ein Nazi war. Wichtig sei für ihn nur, wer dieser als Mensch war. Nach der Definition war jedes Mitglied der NSDAP ein Nationalsozialist, was zu jener Zeit aber auf die Meisten zutraf. Stattdessen solle jeder für seine Verwandten und Vorfahren individuell klären, wie stark sich die Verstrickung in das System tatsächlich äußerte.


Die Veranstaltung: Lorenz Völker stellt War mein Großvater ein Nazi? vor, Leipziger Buchmesse, 17.3.2016, 11.30 Uhr

Das Buch: Lorenz Völker: War mein Großvater ein Nazi? – Ein Enkel auf Spurensuche nach der Geschichte eines Staatsanwalts im Dritten Reich. Arete Verlag, Hildesheim 2015, 180 Seiten, 16,95 Euro


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Die Rezensentin: Sarah Kruschner

 


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