Fallen und Gefallen

Der Roman „Das Fallen“ weckt Interesse für psychische und wortwörtliche Abgründe, in denen nichts ist, wie es zu sein scheint.

Wie sehr vertraust Du Dir selbst?
Woher weißt Du, dass dieser Text real ist?

© Satyr Verlag

Als vernunftbegabtes Wesen glaubt der Mensch, vieles anhand von Beweisen erklären zu können. Michael-André Werners vierter Roman „Das Fallen“ zeigt aber, dass es Dinge gibt, die das menschliche Denkvermögen übersteigen und vielleicht niemals erklärbar sein werden.

Die Geschichte handelt von einer jungen Frau, die ins Bodenlose stürzt und im Laufe des Buches nicht nur sich selbst, sondern auch alles um sie herum in Frage stellen muss. Während des Sturzes verliert sie nicht nur jegliches Gefühl für Raum und Zeit, sondern kann schon bald nicht mehr sagen, ob sie eigene Einbildungen durchlebt, komatös träumt oder bereits tot ist. Und auch der Leser muss sich fragen: Fällt sie wirklich? Und wenn ja, warum?

Die Thematik verspricht eine spannende Geschichte und schafft die Erwartung von etwas Ungewöhnlichem, wenn nicht Abstrakten. In dieser Hinsicht enttäuscht Werner den Leser nicht. Gekonnt verknüpft er die verschiedenen Handlungsebenen in einem irritierenden Muster. Sobald man glaubt, Antonias Welt durchschaut zu haben, wird sie erneut auseinander genommen. Trotz einfacher Sprache gelingt Werner eine bildhafte Beschreibung, wie viel (oder wenig) Antonia in ihrem Loch sieht und wahrnimmt.

Michael-André Werner. © Franziska Hauser, Satyr Verlag

Hin und wieder schleicht sich Sarkasmus ein. Leider zu lau, um ein Schmunzeln zu entlocken. Genauso wie die einziehende Banalität in Antonias außergewöhnlicher Situation. „Konnte sie im Fallen überhaupt ihre Tage haben? Wohin blutete man ohne Schwerkraft? Gab es da Erfahrungen von Astronautinnen?“ (S. 187).

Schade ist es deshalb, wie unnahbar und blutleer die Hauptfigur bis zu den letzten Seiten bleibt. Obwohl der Leser mit den unterschiedlichsten Aspekten ihres Lebens konfrontiert wird, erscheint Antonia blass und hölzern, ohne die nötige Würze. „Sie könnte Sudoku spielen oder Angry Birds oder… irgendwas anderes, um sich die Zeit zu vertreiben.“ (S. 50).

Verflogen ist die Zeit mit dieser Lektüre leider auch nicht ohne Weiteres. So rasant der Sturz ins Leere auch beginnt, er verliert schon bald an Fallgeschwindigkeit. Der Absprung im richtigen Moment missglückt, da weitere Dialoge und Handlungsstränge die Geschichte in die Länge ziehen. „Als Kind war Antonia dieses Fallen ewig lang vorgekommen […]“ (S. 35). Das lässt sich gewissermaßen nachvollziehen.

Trotz alledem, kann abschließend gesagt werden, dass „Das Fallen“ durchaus lesenswert ist. Die spannende Idee und besondere Geschichte werfen grundlegende Fragen auf. Steckt in allem ein Sinn? Worauf kommt es im Leben an? Was geschieht nach dem Tod? Das Buch macht nachdenklich und spielt mit dem, was die Menschheit schon seit Jahrtausenden beschäftigt, aber nicht universal beantworten kann. Zugleich hat die Umsetzung des Themas nicht ganz überzeugt, da dem Roman der Schwung gefehlt hat. Vielleicht Geschmackssache.


Das Buch: Michael-André Werner: Das Fallen. Satyr Verlag, Berlin 2020, 256 Seiten, 22 Euro, E-Book: 16,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Lilli Sulser

 

 

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