»Es sind keine Tiere zu Schaden gekommen«

Philipp Albers und Holm Friebe präsentieren das Lesespiel »Mimikry«.

In der Biologie meint Mimikry das Phänomen, dass Tiere oder Pflanzen die äußere Erscheinung anderer, nicht artverwandter Lebewesen nachahmen, um sich zu schützen. Für Holm Friebe und Philipp Albers hingegen bezeichnet dieser Begriff ein Spiel, das seine Teilnehmer gleichermaßen zu Literaturschwindlern und Meisterdetektiven werden lässt. Für dieses Spiel, das »das Bücherregal zu einem sozialen Ort machen will«, so Friebe, haben sie nun Regeln formuliert.

Viele Runden seien im Freundeskreis schon gespielt worden, die losen Papierfetzen mit den Varianten der Mitspieler aber habe niemand aufbewahrt. So kam es dazu, dass die Kumpanen die Literatur- und Kunstszene Berlins zusammentrommelten und im Sommer 2015 das Spiel ausgiebig testeten. Sie dokumentierten alles, und das kann man nun im Buch zum Spiel nachlesen, fotografische Impressionen von Christian Werner inklusive. Er begleitete die Abende und lieferte Zeugnisse einer ausgelassenen Atmosphäre.

Die Herausgeber leiten das Publikum an diesem Abend durch ein paar Spielrunden, bei denen der zweite Teil des Spiels – das Raten – durchexerziert wird. Sabine Kray und Jenny Friedrich-Freksa, zwei der Mitspielerinnen des letzten Sommers, fungieren als Profis und erläutern ihre Vermutungen zu den vorgestellten Texten. Manche Besucher verfallen immer wieder in klassische Denkerposen, tuscheln aufgeregt, kratzen sich den Kopf oder stieren nachdenklich in die Luft. Auch der Direktor des gastgebenden Deutschen Literaturinstituts und Professor für literarische Ästhetik, Josef Haslinger, rät mit und kann sich Bemerkungen à la »der hat hier übrigens auch studiert« nicht verkneifen. Währenddessen laufen die Fotografien des Spielesommers über den Beamer.

Auflösung einer Mimikry-Runde aus dem Spielesommer in Berlin. © Christian Werner
Auflösung einer Mimikry-Runde aus dem Spielesommer in Berlin. © Christian Werner

Den Gewinn des Abends ergattert weder der Professor noch eine der beiden erfahrenen Mimikry-Spielerinnen, sondern die Besucherin Ulrika Rinke, Programmleiterin des Literaturhauses Rostock. Enttäuscht scheint von den Übrigen niemand zu sein, vielmehr fasziniert und euphorisch. Völlig echauffiert zeigt sich eine Dame aus dem Publikum über den halbierten Kanarienvogel, den eines der Fotos zeigt. Holm Friebe beschwichtigt. Es handele sich dabei um ein Kunstwerk aus einer der Wohnungen. Er betont: »Es sind keine Tiere zu Schaden gekommen.« Im Hintergrund erscheint daraufhin ein Foto mit einem Teller voller Bratenscheiben. Lautes Gelächter. Es ist der Lammbraten, den Ijoma Mangold kredenzte, als er im Mai 2015 Gastgeber einer Mimikry-Runde war.

Auf die Frage, ob ein weiteres Buch folgen werde, lächeln die Herausgeber, Friebe meint: »Es soll bald auch eine App geben, in der man seine Texte einreichen kann, damit der Fundus sich erweitert.« Damit scheint die Buchvorstellung beendet. Holm Friebe hält kurz inne, schmunzelt noch einmal und verkündet: »Mimikry ist immer da, wo drei oder vier im Namen von Mimikry zusammenkommen«.


Die Veranstaltung: Mimikry – Das Spiel des Lesens. Literarisches Salonspiel, Deutsches Literaturinstitut Leipzig, 17.3.2016, 20.30 Uhr

Das Buch: Philipp Albers und Holm Friebe: Mimikry – Das Spiel des Lesens. Blumenbar bei Aufbau, Berlin 2016, 400 Seiten, 24,00 Euro, E-Book 14,99 Euro


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Die Rezensentin: Lisa Lenort

 


 

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