»Es sah schon fast nach richtig kaputtem Punk aus, nur mit Wärmflaschen.«

Politik, Britney Spears und Ladendiebstahl.

Der frisch erschienene Roman „Superbusen“ von Paula Irmschler ist im claassen Verlag veröffentlicht worden. Es geht um die, von ihren Freunden nach dem wodkahaltigen Getränk benannte, Gisela. Sie ist irgendwas mit 20 und kehrt, nachdem sie überstürzt nach Berlin abgehauen war, für eine Demo nach Chemnitz zurück. Dorthin war sie aufgrund von NC und der Aussicht auf Bafög gezogen und studiert seit zu vielen Semestern Politikwissenschaften, hangelt sich von einer WG zur nächsten, findet gute Freundinnen und kämpft gegen Nazis.

Mit besagten Freundinnen gründet sie aus einer Laune heraus die Band Superbusen, ohne dass sie überhaupt ein Instrument beherrscht, also wird sie zur Managerin für alles. Und so gehen sie tatsächlich zusammen auf Tour. Die endet mit Streit und Verzweiflung, Giselas Flucht und der Rückkehr nach Chemnitz.

Die Handlung, die sich zwischen Freundschaften, Feiern-Gehen, Geldproblemen, Zukunftsängsten, Feminismus und Antifa, Essstörung, Ladendiebstahl, Abtreibungen und Babys abspielt, ist dabei viel mehr als ein witziger Roman über das typische Leben einer Mitte 20-Jährigen. Irmschler schreibt locker und mitreißend. Immer wieder witzig, oft aber auch zum Nachdenken zwingend oder wütend über Menstruationsschmerzen, Erfahrungen mit Sexismus und dann immer wieder über Chemnitz, den Osten, Deutschland und die Nazis. Darüber, dass man sich nicht auf etwas wie #Wirsindmehr ausruhen kann, weil die Konzertbesucher wieder abreisen, die Nazis bleiben und der Widerstand gegen sie dann an den wenigen Unermüdlichen hängenbleibt, die zu jeder Demo gehen, von Nazis beleidigt und durch die Stadt gejagt werden.

Durch Rückblicke auf Giselas Kindheit und Jugend in ihrer einstigen Heimat Dresden kommen auch Themen wie Armut, der abwesende Vater und Mobbing zur Sprache. Es gelingt Irmschler auf knapp 300 Seiten, eine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, ohne dass es je langatmig oder nervig würde. Auch die häufigen Zeitsprünge zwischen Gegenwart und vergangenen Erlebnisse wirken nie unangebracht oder verwirrend, sondern unterstützen das Verständnis für die Protagonistin. Die Erzählung bleibt stets temporeich, dabei ist sie aber zu keiner Stelle oberflächlich. Die Mischung aus typischen Alltagsproblemen, herzerwärmenden Anekdoten über Freundschaft, Referenzen zu unzähligen MusikerInnen und besagten schweren Themen von Körperhass, toxischen Beziehungen und wichtigen Gedanken über Antifaschismus im Osten ist absolut einzigartig.

So wird das Buch zur Empfehlung für eigentlich alle. Männern wird durch das Lesen hoffentlich vor Augen geführt, wie schön es ist, eine Frau zu sein, wie wütend das Frausein manchmal aber auch macht und warum diese Wut angebracht ist. Für die Alten wäre es ein Beweis, dass sich die Jungen doch tatsächlich kluge Gedanken über die Welt und ihre Kämpfe machen. Und für alle Anderen sowieso, weil es unterhaltsam ist und dabei noch hilft, zu begreifen, dass man mit seinen Problemen doch nicht so allein da steht. Und weil es einfach ein wirklich gutes, originelles und wichtiges Buch ist.


Das Buch: Paula Irmschler: Superbusen. claassen, Berlin 2020, 320 Seiten, 20 Euro, E-Book 8,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Sara Wolkers

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