Es hat geknistert

Catalin Dorian Florescu liest in der alten Nikolaischule unerwartet aus seinem Roman »Der Mann der das Glück bringt«.

Es ist ein verschneiter Samstagabend und der Nikolaikirchhof bietet ein malerisches Bild mit all dem Schnee und dem warmen Licht, das matt aus Laternen scheint. So betrete ich das Kulturhaus der alten Nikolaischule, in der der Schweizer Autor Catalin Dorian Florescu seinen neuen Erzählband »Der Nabel der Welt« vorstellen soll – doch es kommt etwas anders.

Im gedämpftem Licht der festlichen Richard-Wagner-Aula nehmen die Menschen Platz. An den Fenstern hängen pompöse Gardinen, der Parkettboden knarzt beim Eintreten. Florescu sitzt kokett auf einem Tisch, der vor den Sitzreihen aufgestellt ist und schaut erwartungsvoll in die Menge.

Als es ruhiger wird, begrüßt Florescu die Gäste. Redegewandt beginnt er von seinen Werken zu erzählen, doch plötzlich hält er inne und schaut mich (was habe ich mir dabei gedacht, mich in die erste Reihe zu setzen?) fassungslos an. Was solle denn das aufgeschlagene Notizbuch auf meinem Schoß, ob ich das nicht wegtun könne. Perplex antworte ich, dass ich von der Presse sei, doch darauf kontert Florescu unbeeindruckt, dass ich es gerade dann weglegen solle, um einfach aufzunehmen, was passieren wird. Da mir die ganze Aufmerksamkeit unangenehm ist und einige der Gäste sogar zu klatschen anfangen, vor lauter Begeisterung für Florescu, lege ich also – mit Unbehagen – mein Notizbuch weg.

Der Autor scheint zufrieden und erzählt weiter, erzählt von Rumänien, seiner Heimat, bevor er mit 15 Jahren in die Schweiz kam, von den Menschen dort und von seinen biographisch anmutenden Romanen. Er erzählt frei und gewitzt und die Gäste sind höchst unterhalten, ja, es ist ein großer Enthusiasmus im Saal zu spüren.

Doch plötzlich kneift Florescu die Augen zusammen: Er zeigt in die Menge, mit schmerzverzerrtem Gesicht fragt er, wer da so knistert. Eine Frau, die wohl gerade nach ihren Lutschbonbons gesucht hat, schaut schuldbewusst und mit großen Augen in Florescus Richtung. Ob sie dies bitte unterlassen könne. Ok, cool, wieder Ruhe, der Autor atmet auf. Er erzählt weiter und auch diese Situation scheint das Publikum vergessen zu haben.

Nun beginnt er aus seinem 2016 erschienen Roman »Der Mann der das Glück bringt« vorzulesen, statt wie angekündigt aus seinem neuen Erzählband »Der Nabel der Welt«. Warum wird nicht erklärt. Der Roman hat zwei Erzählstränge: Es spielt in New York und in Rumänien. Der rote Faden bei all seinen Romanen und Erzählungen sei laut Florescu, dass all seine Protagonisten nicht wüssten, wo ihnen der Kopf steht.

Deutlich zu spät und wohl auch nicht so genau wissend, wo ihm der Kopf steht, betritt ein älterer Mann die Richard-Wagner-Aula. Anstatt weiterzulesen, begrüßt Florescu ihn überschwänglich mit einem lauten »Hallo« und fordert den Mann scherzhaft auf, doch bei ihm vorne Platz zu nehmen. »Ähm, ja ok.«, antwortet dieser und setzt sich, als sei es das Normalste der Welt, hinter Florescu auf einen Stuhl, Mikrofon vor der Nase. Und hier bleibt er auch für die restliche Lesung sitzen, stets den bewundernden Blick auf Florescu gerichtet.

Als dieser endet klatscht das Publikum nickend, zum jeweiligen Nachbarn gewandt, Begeisterung ausdrückend. »Signieren Sie die Bücher auch?«, fragt eine Frau mit leuchtenden Augen.

Beitragsbild: Der Autor Catalin Dorian Florescu während der Lesung. © Alina Al-Athamneh


Die Veranstaltung: Catalin Dorian Florescu liest aus »Der Nabel der Welt«, Alte Nikolaischule, Richard-Wagner-Aula, 17.3.2018, 19 Uhr

Das Buch: Catalin Dorian Florescu: Der Nabel der Welt, C.H.Beck, München 2018, 19,95 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Alina Al-Athamneh

 


 

Ein Gedanke zu „Es hat geknistert

  1. Bei mir hat es beim Lesen des Artikels auch geknistert. Und das sehr heftig. Lesevergnügen pur. Die Autorin hat es ausgesprochen gut verstanden die Atmosphäre während der Lesung wiederzugeben. Exellent, denn wieder einmal hat Alina Al-Athamneh es verstanden, dem Leser das Gefühl zu geben dabei gewesen zu sein.

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