Es fährt ein Zug nach Ostberlin

Christian Anders mal wieder auf der Leipziger Buchmesse, diesmal mit dem Roman »Die Mauer. Liebe ist stärker«.

Es ist das Jahr 1983. Peter aus Westdeutschland ist Wissenschaftler. Er will die DDR und vor allem die Menschen dort erforschen. Dafür reist er auf die andere Seite der Mauer, nach Ostberlin. Veronika, eine Studentin aus Sachsen, zeigt ihm die schönsten Plätze und bringt ihm die Mentalität der Menschen näher. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, aus Skepsis und Vorurteilen werden Liebe und Verständnis. Zurück in Westberlin, beschließt Peter, seiner Veronika zur Flucht aus der DDR zu verhelfen.

Die Geschichte der Liebe zwischen Peter und Veronika hat sich Christian Anders für sein neues Buch »Die Mauer. Liebe ist stärker« ausgesucht. Damit legt der einstige Schlagerstar nach seinen zahlreichen esoterischen Sachbüchern nun mal wieder einen Roman vor. Es geht darin, so der Verlagstext, um »die Stimme unseres Herzens. Sie weist den Weg, den eine höhere Macht für uns bestimmt hat.« Das klingt ein bisschen nach seinem Hit »Es fährt ein Zug nach nirgendwo«.

An diesem Samstagvormittag auf der Leipziger Buchmesse interessiert sich Christian Anders allerdings nicht besonders für diese Stimme, das Schicksal von Peter und Veronika rückt in den Hintergrund. Viel lieber möchte der notorische Verschwörungstheoretiker über die aktuelle politische Situation in Deutschland sprechen, es geht ihm um Flüchtlinge. Im Publikum sitzt ein junger Mann aus Afghanistan, den Anders bittet, sich kurz zu erheben. Dann baut der Autor dessen Geschichte in die Dramaturgie seiner Veranstaltung ein. Flucht aus der Heimat – fast so wie damals in der DDR, findet Anders. Es sei völlig legitim, sein Land aus politischen Gründen zu verlassen, sagt er, schiebt jedoch ein »aber« hinterher: »In einen Raum für 10 Personen passen eben keine 1000«. Von diesem Punkt aus kommt er auf weitere Probleme zu sprechen: die Verschuldung Deutschlands, der Kampf der Religionen, die großen Unterschiede zwischen Arm und Reich.

Die Veranstaltung erweckt den Eindruck, Anders benutze sein unvorbereitetes Publikum, um seine ganz eigenen, zum Teil verworrenen und unbelegten Theorien zu verbreiten. Seine Ausführungen wachsen sich zu einer Tirade aus, die hier fehl am Platz ist. Vielleicht liegt es an seiner Wortwahl: »Flüchtlingstsunami« zum Beispiel klingt nach Pegida. Oder es liegt an der Vortragsweise: Monologisierend rattert er seine Gedanken herunter, lässt keinen Raum für Fragen oder Diskussion offen. Er will provozieren und belehren. Alles wirkt anmaßend und wirr – so auch, als er die Lesung abrupt beendet, sich erhebt und verschwindet: »Ich liebe euch Alle. Danke.«


Die Veranstaltung: Christian Anders liest aus Die Mauer. Liebe ist stärker, Literaturforum buch aktuell, Leipziger Messe, 19.3.16, 10 Uhr

Das Buch: Christian Anders: Die Mauer. Liebe ist stärker, Verlag Elke Straube, Geising 2016, 14 Euro


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Die Rezensentin: Elisabeth Leisker

 


 

5 Gedanken zu „Es fährt ein Zug nach Ostberlin

  1. Es fährt eine Lesung gegen die Mauer?
    Leider habe ich zum wiederholten Male einen Auftritt von Christian Anders auf der Leipziger Buchmesse verpasst, weshalb ich dankbar für diese Rezension bin. Wenn auf der Lesung ohnehin wenig bis nichts über den aktuellen Roman zu erfahren war, habe ich wohl nur eine weitere Experteneinschätzung zur politischen Gesamtlage verpasst, das ist zu verschmerzen. Der Romanstoff klingt an sich auch nicht komplett unerhört: Ost-West-Romanze, Mauer, die Kraft der Liebe…
    Da Herr Anders in schöner Regelmäßigkeit die Leipziger Buchmesse beehrt, bietet sich hoffentlich auch zukünftig die Gelegenheit, Lesungen des Sachbuchautors “Lanoo” (C. Anders) zu verpassen, vielleicht ja zu seinen Titeln “Der Mann, der AIDS erschuf” oder “Darwin irrt. Der Mensch stammt nicht vom Affen ab – umgekehrt wird ein Schuh draus!”
    Vielleicht auch auf der Leipziger Lachmesse.
    Keep on bloggin’ in the free world!

  2. Als Verlegerin, die selbst zur Lesung anwesend war, möchte ich der Korrektheit halber folgendes hinzufügen:
    1. Der Flüchtling Edris aus Afghanistan war an diesem Tag unser Ehrengast. Sein Mentor hat diese Lesung ausgewählt wegen des Themas (Bezug Flucht, auch unter Gefahr) und weil er der Meinung ist, dass Edris, der sehr fleißig lernt, nun soweit ist, der Lesung auch sprachlich folgen zu können. Beide waren vor UND nach der Lesung an unserem Stand, Edris hat sich sehr gefreut, dass Herr Anders ihm Buch und CD geschenkt hat und bereit zu Fotos war. Sein Mentor hat mir mitgeteilt, dass er es als eine Ehre betrachtet, dass Christian sich mit ihm fotografieren ließ. Noch auf der Rückfahrt hat er seiner Famlilie das Foto geschickt.
    2. Wenn Christian sagt, “… in einen Raum für 10 Personen passen eben keine 1000”, so ist das eine Tatsache. Man muss Pegida nicht bemühen, um das auszuprobieren (geht sehr einfach, Raum ist ja sehr klein).
    3. Wer bei einem Buch, in dem es um eine Flucht Ost-Westberlin geht, diese Querverbindung zum Flüchtlingsthema nicht nachvollziehen kann, den stelle ich als Rezensenten in Frage. Herr Anders schrieb das Buch vor Jahren, lebt aber im Hier und Heute. Wenn er also zum aktuellen Zeitbezug kommt, dann kann das ja einfach nur “der Missbrauch des unvorbereiteten Publikums sein, seine wirren Theorien” usw. usw. zu verbreiten. Endlich war der Punkt gefunden, eine Lesung von Christian Anders zu verreißen.
    4. Wessen Theorien unbelegt sind, ist hier also noch die Frage.
    5. Frau Elisabeth Leisker hat von mir selbstverständlich ein Rezensionsexemplar zugeschickt bekommen. War waren alle zur Lesung anwesend. Ich habe eigentlich fest damit gerechnet, Frau Leisker kennen zu lernen oder sie mal am Stand zu begrüßen. Bei dieser Gelegenheit hätte sie die herzliche Begegnung von Edris und Christian MITERLEBEN können und sie hätte gesehen, dass Christian sein Publikum weder “belehren” noch “provozieren” möchte. Leider hat sie diese Gelegenheit ausgelassen.
    6. Die Reaktion und der Beifall des Publikums (auch häufiges zustimmendes Nicken) hat uns im Gefühl einer sehr schönen Lesung zurückgelassen. Der wunderschöne a cappella Gesang von Christian Anders (ohne unterstützende Technik, über ein LESEMIKRO!) bleibt natürlich unerwähnt, wer weiß, welche miese Absicht sich dahinter verbirgt…
    Und zum Schluss: Jeder Autor hat exakt 30 min. Lesezeit. Das bedeutet, Herr Anders hat von 10-10.30 Uhr, doch 10.30 bis 11.00 Uhr hat bereits der nächste. Christian könnte also bis 10.30 Uhr lesen, laut Plan der Messe darf da aber der nächste Autor bereits beginnen. Christian ist lange genug Künstler, um den nachfolgenden Kollegen NICHT zu behindern. Er verlässt das Podium sehr schnell, denn er weiß, wenn er sich aufhält oder auch nur ein Autogramm gibt, verursacht das Zeitverlust für den nächsten. Deshalb verschwinden wir und bitten alle Interessenten zum Stand, der 1 Minute entfernt war. Soviel zum Thema Anstand.
    Schade, Frau Leisker

    Elke Straube, Verlegerin

  3. Ich möchte mich in die Reihe der Kommentatoren einreihen. Da ich persönlich mit meinem Schützling Edris anwesend war, muss ich sagen, dass alle Argumente, die Frau Elke Straube in ihrem Kommentar zu Wort gebracht hat zu 100% stimmen. Ich kenne Frau Straube und Christian Anders seit vielen Jahren und bin erschüttert, wie mein Schützling dazu benutzt wird, Christian Anders zu diffamieren. Selbstverständlich muss man nicht mit allen Äußerungen, die ein Autor – ganz gleich zu welchem Thema – von sich gibt übereinstimmen. Man erinnere sich z.B. an die Diskussionen über Herrn Grass vor etlichen Jahren. Mein Schützling und ich haben, wie korrekt von Frau Straube erwähnt, uns bewusst diese Lesung ausgesucht und sind beide stolz darauf, wie Christian Anders ihn mit in seine Lesung einbezogen hat. Weiterhin möchte ich fragen, seit wann es nicht angemessen ist, die Situation in der damaligen DDR nicht mit einer aktuellen Situation zu vergleichen. Des Weiteren möchte ich auf ein aktuelles und sehr erfolgreiches Lied von Christian Anders hinweisen: ‘Alle Optionen offen’. Alle meine Schützlinge fühlen sich geehrt, dass Christian Anders ein solches Thema in einem Lied aufgegriffen hat.
    Ich wünsche noch einen schönen Tag.
    Reiner Möller, ehrenamtlicher Lehrer und Betreuer

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