Eis in Ecuador

Wie kalt können sich dreißig Grad anfühlen?

Welcher Sinn steckt hinter dem Leben, hinter der Liebe und der Existenz auf dieser Erde? Was sollen wir den Menschen erzählen und welche Geschichten für uns behalten? Wieso fühlen wir uns so, wie wir uns fühlen und wie hängen die Dinge zusammen?

Diese Fragen beschäftigen Jonas schon seit seiner Kindheit. Mit seinem jüngeren und kranken Bruder Mike wächst er die ersten Jahre bei der alkoholabhängigen Mutter in Österreich auf. Diese stürzt sich lieber in den Alkoholkonsum als in die Verantwortung. So sind Werner, Jonas bester Freund, und Mike die einzigen großen Konstanten in der Kindheit des Protagonisten. Alles, was Fragen in den Köpfen der Jungen aufwirft, muss bis an seine Grenzen erforscht und getestet werden. Dieser Lebensstil sorgt nach einem Unfall dafür, dass Werners Großvater Picco die drei Jungen bei sich aufnimmt und sie vollkommen unkonventionell und zwanglos aufwachsen lässt. Der Traum eines jeden Kindes?

Nicht für Jonas. Sein Leben ist eine ewige Reise von Frage zu Frage, von Mensch zu Tier, von hunderten von Ländern auf dieser Welt zu seinem zu Hause, von Zerrissenheit zur Vollkommenheit und von Hass zu Liebe: „Loslassen. Über der Welt sein. Auf dem Wind reiten, fern von allem, was irdisch ist. Ungemütliche Orte besuchen, um zurückzukehren (…).“

Der Roman „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic ist 2015 im dtv Verlag erschienen. Glavinic schreibt in den Kapiteln abwechselnd über den Werdegang von Jonas, seinen Reisen zu Menschen und allen Ländern dieser Welt bis hin zu seiner großen Liebe Marie, die ihn im Inneren dazu treibt sein letztes großes Abenteuer anzugehen : die Besteigung des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff.

Auf dem Weg zum Gipfel, gequält durch die Höhe, den Sauerstoffmangel und der menschenfeindlichen Umgebung, durchlebt Jonas viele Momente seines Lebens erneut, was der Autor durch den inhaltlichen Wechsel in den Kapiteln gelungen dargestellt hat. Während es in der einen Hälfte des Romans um das Heranwachsen von Jonas geht, beschäftigen sich die anderen Kapitel mit seiner Reise auf den Gipfel des Mount Everest. So erfährt der Leser erst im Laufe des Romans, warum genau sich der Protagonist auf den lebensgefährlichen Kampf mit diesem kalten Riesen einlässt.

Thomas Glavinic beeindruckt mit einem Schreibstil, der sich nur selten in Romanen findet. Was bei manchen Lesern als kritisch oder überspielt angesehen werden könnte, hat mich als Leserin begeistert. Hinter jedem Kapitel stecken philosophische Ansätze, Glavinic verwendet eine Wortwahl, die dazu verleitet, in dem Leben von Jonas zu versinken und ihn bis zur letzten Seite auf seiner Reise durch das Leben zu begleiten. Ob er sein großes Ziel erreicht? Mich als Leserin hat dieser Roman zum Nachdenken gebracht, viele eigene ungeklärte Fragen an das Leben aufgeworfen und nicht mehr losgelassen, seitdem ich bei dreißig Grad und Sonnenschein in Ecuador am Strand anfing, zu frieren.


Das Buch: Thomas Glavinic: Das größere Wunder. dtv Verlagsgesellschaft, München 2016, 528 Seiten, 11,90 Euro, E-Book 11,99 Euro


Die Rezensentin: Julia Wilke

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