Eine Stimme im »Land des Schweigens«

Gerd Schumann liest aus der PapyRossa-Reihe »Basiswissen« über Kolonialismus, Neokolonialismus und Rekolonisierung.

Sonntagmittag: Gerd Schumann ist der Letzte, der in diesem Jahr auf dem Programm von »Die Bühne« in Messehalle 5 steht. Deswegen kann er sich dem sonst so nahtlos getakteten Ablaufplan entziehen und am Ende sogar ein paar Minuten überziehen. Dass die Traube von Menschen, die sich am Eingang gebildet hat, trotzdem stehen bleibt, um dem langjährigen Leiter des Auslandsressorts der Tageszeitung Junge Welt bis zum Schluss zuzuhören, beweist seine Eindringlichkeit. Aber es beweist auch seine Fähigkeit zu einer ordentlichen Dosis Pathos, beginnend beim ersten Satz, den er an das Publikum richtet: »Ich sag willkommen« und nach einer kurzen Pause: »Willkommen im Land des Schweigens«. Was wie der Auftakt zu MythBusters anmutet, entpuppt sich als hochpolitische Auseinandersetzung mit dem Thema des modernen Kolonialismus. Aktuell und vor allem kritisch: gegenüber den Medien, dem EU-Parlament, Frank-Walter Steinmeier und überhaupt allen, die die Relevanz des modernen Kolonialismus in Frage stellen oder von dieser schlicht und einfach nichts wissen.

»Der Kolonialismus ist nicht mehr existent – wird gesagt!« und wenn über ihn gesprochen werde, dann nur in historischen und nicht in ökonomischen Zusammenhängen. Diese Kritik ist der Kerninhalt der Veranstaltung, die eher ein TED Talk ist als eine Lesung, denn vorgelesen wird kaum. Schumann mahnt und appelliert: Der Kolonialismus gehöre nicht in die Geschichtsbücher sondern in aktuelle Debatten, als Kernpunkt in der Fluchtfrage, Ursache für Verelendung und als entlarvendes Argument gegenüber politischer Schönrederei. In diesem Zusammenhang zieht Schumann die Verbindung zwischen Bernhard van Bülows Wunsch nach einem »Platz an der Sonne« im Jahr 1897 und einem Zitat aus der Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier anlässlich der 50. Münchner Sicherheitskonferenz 2014, worin dieser sagt, Deutschland sei »eigentlich zu groß um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren«. »Ich möchte da jetzt keine direkte Verbindung ziehen«, sagt Schumann »aber es bietet sich ja an.«

Aber so scharf Schumann argumentiert, so erschüttert wirkt er auch. »Warum wird dieses Thema nicht behandelt?«, fragt er und warum werde die Verelendung durch koloniale Einflussnahme nicht als Fluchtursache benannt? »Das alles mutet wie ein Treppenwitz an, wenn es nicht so traurig wäre.« Er benutzt die Worte »erschreckend« und »rücksichtslos« und kritisiert den Boykott der antikolonialen Bestrebungen. Bitterböse Aussichten; aber nicht nur. Er entlässt das Publikum eindringlich, seine Schlussworte muten an wie ein Appell. Um den Kolonialismus zu beenden, so sagt er, müssen sich die unterdrückten Völker und die Menschen, die den Kolonialismus als das erkannt haben, was er ist, zusammenschließen. Und vor allem müssen »die richtigen Fragen gestellt werden« im »Land des Schweigens«.


Die Veranstaltung: Gerd Schumann: Kolonialismus, Neokolonialismus, Rekolonisierung, Halle 5: Die Bühne, 20.3.2016, 13.30 Uhr

Das Buch: Gerd Schumann: Kolonialismus, Neokolonialismus, Rekolonisierung. PapyRossa, Köln 2016, 124 Seiten, 9,90 Euro.


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Die Rezensentin: Maja Mick

 


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