Eine kurze Taxifahrt

Wie ein Mensch das Leben eines anderen wieder in Fahrt bringt.

Die Novelle „Federico Temperini“ ist das Erzähl-Debüt von Theres Essmann und erschien 2020 in dem Verlag Klöpfer, Narr.

© Klöpfer, Narr

Der Taxifahrer Jürgen Krause wird von dem ehemaligen Paganini-Geiger Federico Temperini als Chauffeur engagiert. Krause fährt den zunächst sehr verschwiegenen älteren Mann neun Monate, bis zu dessen Tod, zu diversen Konzerten in der Philharmonie in Köln. Über diese Zeit öffnen sich die beiden Männer einander ein wenig.

Temperini verlor mit der Lähmung seiner linken Hand seine Bestimmung als Musiker. Krause kämpft um die Zuneigung seines Sohnes Leo, welcher sich immer mehr von ihm distanziert.

Angst vor Verlust und Einsamkeit werden dem Taxifahrer durch Temperini immer wieder vor Augen geführt.

Theres Essmann blüht in der Novelle vor allem in der Bildsprache auf. Die Situationen, die Orte und Emotionen beschreibt sie so lebendig und pointiert, dass man sich selbst und seine eigenen Erfahrungen schnell darin wieder finden kann. Gerade Leidenschaft, Ehrgeiz, Sehnsucht aber auch Einsamkeit und Verlustangst werden sehr behutsam und malerisch beschrieben.

Theres Essmann. © Rüdiger Nehmzow

Leider gehen dadurch die Figuren und ihre Charakteristika ein wenig unter. Die Protagonisten werden interessant angedeutet, allerdings ist die Novelle zu kurz, um wirklich runde, ausgereifte Charaktere zu schaffen. Vieles bleibt offen und oft sind die Figuren in ihren Handlungen und in der Sprache etwas statisch. Die einzelnen Emotionen in bestimmten Situationen kommen rüber, der Charakter der Figuren bleibt skizziert.

Die Geschichte zweier Menschen, die durch Zufall zueinander finden und nach anfänglicher Distanz doch Gemeinsamkeiten finden wird schön erzählt und beschrieben, ist aber kein neuer Handlungsablauf in der Welt der Novellen. Der Tod des älteren Mannes, der den jüngeren dazu bewegt, sich zu verbessern war vorhersehbar, das Zusammenraufen von Vater und Sohn keine Überraschung.

Und dennoch hinterlässt die Geschichte weder Langeweile noch Ernüchterung. Die Erzählweise schafft es, einem das Gefühl zu geben, als hätte einst ein Taxifahrer tatsächlich einem Menschen zugehört, der das Glück hatte durch die Erfahrungen eines Gastes sein Leben in eine andere Richtung zu lenken.


Das Buch: Theres Essmann: Federico Temperini. Klöpfer, Narr Verlag, Tübingen 2020, 163 Seiten, 18 Euro


Die Rezensentin: Helena Holdt

 

 

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