Eine Frau zwischen drei Männern

Lot Vekemans liest aus ihrem Roman »Ein Brautkleid aus Warschau«.

»Du spürst es von innen, wenn jemand dein Match ist«, sagt der Mann von der Heiratsagentur zu Marlena. Er schiebt ihr das Foto eines Mannes mit braunem Haar und roten Wangen über den Tisch. In der Fotografie meint Marlena, die Augen ihres Vaters und die ihres Großvaters zu erkennen. Es sind aber die Augen des holländischen Bauern Andries. Für ihn hat die Heiratsagentur noch kein Match, weil die Frauen keinen Bauern heiraten wollen. Marlena aber verbrachte ihr ganzes Leben in einem kleinen Dorf in Polen, sie versteht die Tiere besser als die Menschen. Sie nimmt also das Angebot an und macht sich auf den Weg in die Niederlande.

Mammana_Foto Lot Vekemans1_2016-03-19Ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint die Geschichte von Marlena. Sie ist Mitte 20 und will ihrem Leben eine Richtung geben. Dabei wird sie von einer Aneinanderreihung schicksalhafter Komplikationen von Mann zu Mann geleitet. Durch den Blick verschiedener Perspektiven stellt Lot Vekemans die Frage danach, wie viel man im Leben selbst steuern kann.

Die Niederländerin Vekemans ist eigentlich Theaterautorin und als Dramatikerin auch im deutschsprachigen Raum bekannt. Mit »Ein Brautkleid aus Warschau« legt sie nun ihr Romandebüt vor. Im Interview mit Moderator und Wallstein-Lektor Thorsten Ahrend erzählt die Autorin, dass man dieses Schreiben lernen müsse, wie man einen neuen Beruf erlernen muss. Vekemans fiel das anfangs schwer. Die Romanhandlung stellte sie sich deshalb als Film vor: »Einem Film kann man leichter folgen. Ich folgte also dem, was ich sah, das war einfacher.«

So seien die Szenen im Buch nicht ihre Szenen, sondern die der Figuren, denen sie folgte und die Vekemans die Geschichte von Marlena erzählten. Dabei gestaltet die Autorin galant emotional, aber mit großer Schlichtheit. Neunundneunzig Prozent aller Autoren würden Szenen stärker ausführen und ausschmücken, warum tue sie das nicht, fragt der Moderator deswegen. Sie wolle der Fantasie der Leserschaft nicht vorgreifen: »Die Welt ist offen, die Literatur ist offen.« Beschreibungen von Landschaften oder Situationen, über die man immer wieder das Gleiche liest, finde sie ermüdend. Vekemans ist gewohnt, nicht das zu sagen, was man sagt, sondern das, was man sieht. Dieser Einfluss ihrer Theatererfahrung verleiht ihrem Roman einen außergewöhnlichen Charakter und macht das Buch lesenswert.

Thorsten Ahrend und Lot Vekemans. © Diana Mammana
Thorsten Ahrend und Lot Vekemans. © Diana Mammana

Vekemans spricht nahezu akzentfreies Deutsch, obwohl sie die Sprache erst seit einem Jahr lernt – extra für die Buchvorstellung. Applaus! Der Respekt des Publikums gegenüber der Autorin ist spürbar. Die Zuhörer sind trotz der turbulenten Kulisse der Messehalle von ihren Worten gefesselt, ja sogar gerührt von ihrer sympathisch grazilen Art, ihrer dezidierten Wortwahl und dem literarischen Sprechen. Nur am Schluss wird Vekemans leicht belehrend, als sie über das offene Ende des Romans spricht: »Eine Geschichte ist ja noch nicht zu Ende, wenn man noch lebt. Das mag eine romantische oder pessimistische Idee sein, aber ich mag das.«


Die Veranstaltung: Lot Vekemans liest aus Ein Brautkleid aus Warschau, Moderation: Thorsten Ahrend, Messegelände, Forum Die Unabhängigen, 19.3.2016, 11 Uhr

Das Buch: Lot Vekemans: Ein Brautkleid aus Warschau, Wallstein Verlag, Göttingen 2016, 256 Seiten, 19,90 Euro, E-Book 15,99 Euro.


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Die Rezensentin: Diana Mammana

 


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