Ein Wolf im Schnee, 80 Kilometer vor Berlin

Ronald Schimmelpfennig liest aus seinem neuen Roman.

»An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts überquerte ein einzelner Wolf kurz nach Sonnenaufgang den zugefrorenen Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen.« Tomasz steht nach einem Unfall auf der Autobahn im Stau und fotografiert den Wolf im Schnee, 80 Kilometer vor Berlin. Der Wolf zieht weiter und kreuzt dabei immer wieder die Wege unterschiedlicher Menschen und Schicksale. Da sind z. B. das Mädchen und der Junge, die von Zuhause weggelaufen sind, ein toter Jäger im Wald oder der verzweifelte junge Pole auf der Suche nach seiner Freundin.

Der Raum in den Leipziger Cammerspielen ist nur spärlich beleuchtet. Lediglich auf der Bühne steht eine Lampe auf einem Teppich neben einem kleinen Tisch: ein gemütliches Wohnzimmerambiente. Roland Schimmelpfennig passt perfekt an diesen Ort. Als »meistgespielter Dramatiker Deutschlands« hat er Erfahrungen mit Theatern und Bühnen. Nun stellt er seinen ersten Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts« vor.Winkelmann_Cover An einem klaren, eiskalten Januarmorgen_2016-03-17

Schimmelpfennig betont gleich zu Anfang, dass er seine Dramen nie für Funk und Fernsehen geschrieben habe. Er hätte die Umsetzung immer so einfach wie möglich halten wollen, deshalb sei auch ein Roman für ihn in Frage gekommen. Alles was es dazu brauche, seien »lediglich ein Buch, ein Stuhl und den Leser«.

Einfach wirkt auch die Erzählweise des Autors. Während der Lesung zeigt sich, dass nicht nur der Januarmorgen eiskalt und klar ist. Schimmelpfennigs Roman besteht fast ausschließlich aus Beschreibungen, nüchtern und präzise. »Die Bilder sind das Entscheidende beim Erzählen«, sagt er. Die Interpretation sei ihm nicht so wichtig. Die Handlung springt zwischen den einzelnen Personen und Situationen hin und her, meist sehr abrupt und unerwartet. Der Autor erklärt, dass er die Figuren ungern alleine lasse. Da alles parallel verlaufe, werde er nervös, wenn eine Figur zu lange im Fokus stehe. Dieses Gefühl überträgt sich bei der Lesung auf die Zuhörer, die vom ersten Moment an mitfiebern.

Ein zentrales Motiv des Romans ist der Wolf. Schimmelpfennig bezeichnet ihn als den Auslöser für die gesamte Handlung. Der Wolf ist ein Detail im Ganzen, durch das plötzlich nichts mehr stimmt. Er verändert die ganze Situation. »Alles ist wie vorher, nur, dass da plötzlich ein Wolf durchs Bild läuft.« Genau wie der Wolf bewegt sich alles in den einzelnen Erzählsträngen. Die Bewegung kommt immer dann auf, wenn »eine Situation nicht mehr zu ertragen ist oder etwas gerettet werden muss« – also eigentlich ständig.

Seinem Vortrag ist die Theatererfahrung Schimmelpfennigs anzumerken. Er weiß genau, wie er welches Wort betonen muss, um die nüchternen Beschreibungen lebendig werden zu lassen. Seine Art zu lesen unterstreicht die Worte und lässt das Gefühl dieses Januarmorgens noch wirklicher werden. Die Protagonisten lässt er so sprechen, wie sie auch in den Köpfen der Leser sprechen würden. Durch diese Rezitation, die Nüchternheit und Klarheit der Erzählung, bleiben bei den Zuhörern nach der Lesung Bilder im Kopf zurück – von einem Wolf im Schnee, auf der Autobahn, 80 Kilometer vor Berlin.


Die Veranstaltung: Roland Schimmelpfennig liest aus An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Moderation: Sascha Michel, Cammerspiele Leipzig, 17.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, 254 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 18,99 Euro


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Die Rezensentin: Laura Winkelmann

 

 


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