Ein poetisches Dreiergespann erobert Leipzig

Über Pärchen, Amazon und Ingrid.

Die Stimmung ist großartig im Westflügel. Das Licht ist schon leicht gedimmt, alle warten gespannt auf die Protagonisten des heutigen Abends. Dann geht es endlich los. Die Autorinnen und Moderator Bov Bjerg setzen sich an den schönen alten Holztisch mit schicken Leselämpchen, die eine wohlig-warme Wohnzimmeratmosphäre schaffen. Als dann noch der Song »Open House« von Lou Reed und John Cale ertönt, ist das Flair perfekt. Sehr ungewöhnlich und doch passend, denn wie sich herausstellt, ist dieser Song der Namensgeber des Open House Verlags, bei dem das erste Buch des Abends, »Dialoge«, von Babet Mader veröffentlicht wurde.

Babet Mader liest zusammen mit Janine Gottwald in verteilten Rollen aus ihrem vierten Buch vor. Für den Zuhörer umso verständlicher und vor allem humorvoller, denn das Buch heißt nicht nur »Dialoge«, es beinhaltet auch solche. Ausschließlich. Sie handeln von Pärchen in Restaurants oder von Schwestern, die sich immer noch nicht grün sind – ein jeder erkennt bestimmt den einen oder anderen Augenblick aus seinem Leben wieder. Babet Mader schafft es, die gewöhnlichsten Alltagssituationen so humorvoll zu verpacken, sodass sich auch das Publikum ein Lachen nicht verkneifen kann.

Vom ernsteren Schlag ist das zweite Buch, vorgetragen von der Autorin Heike Geißler. Mit ruhiger Stimme liest sie aus »Saisonarbeit«, einem Buch, das einen poetischen als auch politischen Erfahrungsbericht als Saisonkraft beim Versandwarenriesen Amazon darstellt, der tiefe Einblicke in das bietet, was dem Kunden in der Außenwelt verwehrt bleiben soll: miese Arbeitsbedingungen, Stress und die Hoffnung, ganz schnell wieder von dort wegzukommen. Eine Studie, die auch über das Konsumverhalten unserer Gesellschaft aufklärt, hätte nicht besser geschrieben werden können.

Etwas wiederum ganz Anderes hat die Dritte im Bunde, Marion Brasch, geschaffen, die aus ihrem Roman »Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot« rezitiert. Wer hat sich noch nicht die Frage gestellt, was Godot eigentlich macht, während alle Welt auf ihn wartet? Der Godot kann ja gar nichts dafür. Wenn man gewusst hätte, dass es bei ihm gerade Hunde und Katzen regnet, er zwischendurch eine Partei gründet, er und seine Wählerstimme zusammen ausgehen und er sie schließlich noch aus dem dunklen Keller des gefährlichen Reißwolfs retten muss, dann hätte man ihm bestimmt sein Nichtaufkreuzen verziehen.

P.S.: Hätten Sie gedacht, dass Godot seine Katzen Ingrid nennt? Dieses Buch ist unglaublich absurd und gerade deshalb auch extrem witzig und originell.

Zum Schluss verlassen die Zuhörer den Saal mit dem Gefühl, gerade einen besonderen Abend erlebt zu haben. Zu Recht.


Die Veranstaltung: Babet Mader liest mit Janine Gottwald aus Dialoge, Heike Geißler aus Saisonarbeit und Marion Brasch aus Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot, Moderation: Bov Bjerge, Lindenfels Westflügel, 18.3.2016, 20 Uhr

Die Bücher:

  • Babet Mader: Dialoge. Open House Verlag, Leipzig 2015, 140 Seiten, 18,00 Euro
  • Heike Geißler: Saisonarbeit. Spector Books, Leipzig 2014, 270 Seiten, 14,00 Euro
  • Marion Brasch: Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot. Voland & Quist, Leipzig 2016, 160 Seiten, 18,00 Euro

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Die Rezensentin: Felicitas Drosky

 

 


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