Ein Mann geht. Und geht und geht.

Peter Stamm präsentiert seinen neuen Roman »Weit über das Land«.

Zwei Wörter schreibt er pro Minute, erzählt der Schweizer Autor Peter Stamm dem restlos gefüllten Saal im Haus des Buches. Während das Publikum noch nachrechnet, wie lang er dann wohl für seinen neuen Roman »Weit über das Land« gebraucht haben muss, unterhalten er und Moderatorin Marion Brasch sich bereits über Thomas, Stamms Protagonisten.

Thomas ist Buchhalter – wie Peter Stamm früher auch – und bricht eines Nachts einfach auf, lässt seine Frau und seine zwei Kinder zurück und begibt sich auf eine lange Wanderung durchs Schweizer Hinterland. Die Büsche seines Grundstücks waren in seiner Wahrnehmung zu einer Mauer gewachsen, »die immer unüberwindbarer wurde«. Diesem Normalitätsgefängnis entflieht er ungeplant und ohne irgendjemanden in Kenntnis zu setzen. Er wählt die abgeschiedensten, menschenleersten Strecken. Um diese auszumachen, wanderte Peter Stamm selbst durch die Schweizer Alpen. Thomas’ Frau will das Verschwinden ihres Mannes erst nicht wahrhaben, geht routiniert ihren hausfraulichen Pflichten nach, bis sie dann doch die Polizei ruft. Aber auch die kann Thomas nicht aufspüren.

Krusemark_Buchcover Peter Stamm_2016-03-19Zu den Beweggründen für Thomas’ Flucht geben weder die vorgetragenen Textstellen noch das Gespräch mit dem Autor aufschlussreiche Hinweise. Das sei gewollt, meint Peter Stamm, deutet aber etwas an wie »man muss gehen, wenn es am schönsten ist«. Gleichzeitig spielt er darauf an, dass Thomas der Tristesse seines Alltags entfliehen will. Widersprüchlichkeiten wie diese tauchen im Laufe des Abends immer wieder auf. Er ließe seine Romanfiguren selbst agieren, sagt Stamm, auf der anderen Seite spiele er »sehr gern Gott«. Dies war auch der Grund, warum er das Drehbuch zur Verfilmung seines Romans »Agnes« nicht schreiben wolle. Dabei müsse man zu viele Kompromisse eingehen.

Die Lebensweisheiten, die Peter Stamm im Gespräch äußert (»Das Buch ist klüger als der Autor« und »Das Leben ist ein Ganzes, schön und traurig zugleich«) erscheinen ebenso fade wie die Geschichte von Thomas. Und die Beziehung zwischen Thomas und seiner Frau, die aus der Retrospektive beschrieben wird, wirkt ebenso langweilig wie die endlose Wanderung durch die Schweiz. Abgesehen davon, dass es dem Buch an Plausibilität und Tiefgang mangelt, wird hier das Klischee der bürgerlichen Midlife-Crisis auf die Spitze getrieben: Alltag, Büroarbeit und Kleinfamilie als Gefängnis. Stamm deutet an, er sei all dem entflohen, indem er Schriftsteller wurde. Warum ihm dann keine weniger glatte, ereignislose Prosa gelingt, bleibt offen.


Die Veranstaltung: Peter Stamm liest aus Weit über das Land, Haus des Buches, 19.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Peter Stamm: Weit über das Land. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 223 Seiten, 19,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: M. Kru

 


 

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