Ein Lotse ging von Bord

Buchvorstellung zu Helmut Schmidt, eine der schillerndsten Persönlichkeiten am Politikerhorizont.

Eine Zigarette zwischen den Fingern, eine Tasse Kaffee mit Milch und extra viel Zucker und ein kritischer Blick – so haben viele den Altbundeskanzler Helmut Schmidt in Erinnerung. Ein Deutscher, einer von uns, einer, der die Sachen beim Namen nennt und anpackt. In seinem Buch »Der Lotse. Helmut Schmidt und die Deutschen« versucht Martin Rupps die Persönlichkeit des ehemaligen Bundeskanzlers zu ergründen.

Dass genau dies aber gar nicht so leicht ist, verrät Martin Rupps in seiner Lesung. Tiefgründige Einblicke in seine Persönlichkeit wusste Helmut Schmidt stets zu verhindern: »Es liegt mir nicht, (…) mein Seelenleben auf dem Marktplatz zur Schau zu tragen«, zitiert der Autor den Altbundeskanzler über dessen Einstellung zum »Psychologisieren«. Laut Rupps ist aber dies ein Markenzeichen – gemeinsam mit seiner Zigarette, seinen langen Redepausen sowie seinem eleganten Auftreten – und der Grund, warum sich Schmidt bei den Deutschen großer Beliebtheit erfreute.

Im November 2015 starb Helmut Schmidt und hinterließ für viele Menschen politische Orientierungslosigkeit – war er es doch gewesen, der selbst in brisanten politischen Fragen stets eine gute, scharfsinnige Meinung vertrat. Der Buchtitel liegt dabei recht nahe am »Der Lotse geht von Bord«, wie der »Spiegel« 1982 zum Ende seiner Kanzlerschaft mit einer Anspielung auf Bismarck titelte. Dies erhält im sicherlich unbeabsichtigten Kontext zu Schmidts Tod einen bitteren Beigeschmack, da das Buch noch zu Lebzeiten Schmidts erschien. Rupps, der bei diesem Thema wehmütig scheint, muss seine Sätze über Helmut Schmidt häufig ins Präteritum korrigieren.

Leipzig-lauscht-Redakteur David Rentel mit Martin Rupps (r.). © David Rentel
Leipzig-lauscht-Redakteur David Rentel mit Martin Rupps (r.). © David Rentel

Das anschließende Gespräch, in dem sich der gebürtige Stuttgarter an das Publikum wendet, dreht sich um die Frage, welchen Eindruck Schmidt bei der ostdeutschen Bevölkerung zu DDR-Zeiten hinterließ. Nach einiger Zeit gleicht die Debatte einer Hommage an den Altbundeskanzler. Der Kontrast zu heutigen Politikern, die in Zusammenhang mit Korruption, vorzeitigen Rücktritten und Plagiatsvorwürfen stehen, lässt Schmidt, so Rupps, »in einem (zum Teil) unverdienten Licht dastehen«. Doch im Grunde ist der Tenor der Diskussion kurz zusammengefasst: Politiker, wie einst Helmut Schmidt, gibt es heute kaum noch. Die Schmidt-Generation ist von Bord gegangen. Nun müssen neue Lotsen das Steuer übernehmen und Orientierung geben, um in Zeiten der Unsicherheit Zuversicht zu vermitteln.


Die Veranstaltung: Martin Rupps liest aus Der Lotse. Helmut Schmidt und die Deutschen, Moderation: Dirk Panter, DenkBar Leipzig, 18.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Martin Rupps: Der Lotse. Helmut Schmidt und die Deutschen, Orell Füssli Verlag, Zürich 2015, 370 Seiten, 21,95 Euro


Rentel_Profilbild_2016_02_08

 

 

Der Rezensent: David Rentel

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.