Ein literarisches Fenster

Der möchtegern-melancholische Autor Stefan Chwin auf Deutschlandreise.

Literaturpapst. Das ist das Erste, das einem durch den Kopf schießt, wenn man das Cover des neuen Buches des polnischen Autors Stefan Chwin betrachtet. Zwischen Stapeln von Büchern sitzt er in Anzug und mit akkurat zurückgekämmtem Haaren auf einem Sessel. Beinahe spöttisch reißt eine Augenbraue Richtung Stirn aus. Vor ihm, hinter ihm, neben seinem Sessel: Bücher.

9783940524324Im Polnischen Institut ist die Atmosphäre an diesem Abend weniger majestätisch. Chwin, der heute sein Buch »Ein deutsches Tagebuch« vorstellt, sitzt etwas verloren an einem langen weißen Tisch. Vor ihm reihen sich blaue Bürostühle, neben ihm sitzen der Referent des Polnischen Instituts Bernd Karwen, Verleger Thomas Rostek und Chwins Übersetzerin Marta Kijowska. Sie führt das Publikum durch den Abend – und das leider oft so dominant, dass Chwin kaum zu Wort kommt.

Kijowska beginnt mit einem Zitat des großen polnischen Übersetzers Karl Dedecius: »Die Literatur eines Volkes ist wie ein Fenster, aus dem dieses Volk den Fremden ansieht.« Das Fremde soll das Leitmotiv dieses Abends werden. Der Publizist, Autor und Literaturkritiker Chwin wird seit Langem als Autor der deutsch-polnischen Völkerverständigung gehandelt, auch wenn er sich selbst immer wieder gegen diese Bezeichnung wehrt. Das Wort »Nationalcharakter« möge er nicht, betont er. Ihm gehe es um die Menschen.

Stefan Chwin ist ein Zweifler, ein Melancholiker, einer, der sich gegen die Politisierung der Literatur auflehnt, wie er sagt. Er schreibe über Mikropolitik, darüber, wie sich die politische Lage auf Nachbarn auswirke, die zusammen im Fahrstuhl festsäßen. Aber er mische sich oft auch ins Zeitgeschehen ein, ergänzt Marta Kijowska übereilig. Chwin kontert: »Nur auf Nachfrage.« Seine Mutter habe ihm einmal gesagt, er müsse antworten, wenn man ihn frage. Er schmunzelt.

Der gebürtige Danziger, der aufgrund seiner starken Bindung zu seiner Heimatstadt oft mit Günter Grass verglichen wird, schreibt in seinem Tagebuch in kleinen Textfragmenten über die Begegnungen mit Deutschen, der deutschen Literatur, deutschen Persönlichkeiten, deutscher Geschichte. Das macht er oft mit so viel Einfühlungsvermögen, dass faszinierende Porträts entstehen. Marta Kijowska bringt es auf den Punkt: »Er fängt die Gedanken ein, die in der Luft sind, wenn man gut beobachten kann.«

Immer wieder berührt er unangenehme Kapitel des deutsch-polnischen Zusammenlebens. Es geht um Auschwitz und nach Deutschland emigrierte Polen, die ihren Kindern hier verbieten, Polnisch zu sprechen. Selten maßt er sich ein Urteil an. Im Gegensatz zu seiner Übersetzerin, die sich immer wieder in Ausführungen über Chwin und andere intellektuelle Größen und Autoren verstrickt, begnügt er sich damit, Fragen zu stellen. Warum spricht man in Polen eigentlich von Vertriebenen, wenn es um Deutsche oder Polen aus den Grenzgebieten geht, aber nicht, wenn Syrer gemeint sind? Er möge weiche Menschen und fürchte sich vor Menschen mit starken Meinungen, sagt Chwin gegen Ende der Lesung. Starke Meinungen könnten Menschen schnell verletzen.

Egal wie sehr Chwin sich dagegen sträubt: Jeder, der sich aktiv mit deutsch-polnischen Beziehungen beschäftigt, macht Politik – gerade heute, in diesem zerrütteten Europa, in dem die Politik der machthabenden Akteure in beiden Ländern unterschiedlicher nicht sein könnte. Recht hat er trotzdem: Weiche Menschen sind sicherlich die friedlicheren Menschen. Vielleicht gilt dasselbe ja auch für Grenzen?


Die Veranstaltung: Ein Deutsches Tagebuch. Lesung mit Stefan Chwin und Marta Kijowska (Übersetzerin). Polnisches Institut Berlin, Filiale Leipzig, 19.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Stefan Chwin: Ein deutsches Tagebuch. Aus dem Polnischen von Marta Kijowska, edition.fotoTAPETA, Berlin 2015, 256 Seiten, 19,80 Euro


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Die Rezensentin: Marie Kraja

 


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