Ein kultureller Regen

Am Mittwoch, den 26. Mai 2021, liest Judith Hermann am Abend im Garten des Literaturhauses Leipzig aus ihrem Roman »Daheim«. Dieser ist im April im S. Fischer Verlag erschienen, umfasst 192 Seiten und ist für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert. Doch diese Lesung wäre fast ins Wasser gefallen.

Die Eintrittskarten sind handgeschrieben, die Vögel zwitschern, inmitten des grünen Gartens stehen unter zwei weißen Zelten viele Stühle. Gegen 19 Uhr treffen bereits viele Zuschauer:innen ein, alle wirken entspannt und sind voller Vorfreude. Nach über einem Jahr kann endlich wieder eine Lesung vor Ort stattfinden, dank der Corona-Test-Pflicht für alle Beteiligten. Es ist der Auftaktabend der Buchmesse. Endlich wieder Kultur! Es wirkt fast traumhaft schön – wenn es dabei nur nicht die ganze Zeit in Strömen regnen würde. Im Publikum machen es sich die ca. 60 Menschen allen Umständen zum Trotz gemütlich.

In Regenjacke mit Kapuze kommen Judith Hermann und der Moderator Gregor Sander auf die überdachte Bühne. Die Freude darüber, dass wieder Veranstaltungen vor Ort stattfinden dürfen, ist auf beiden Seiten deutlich zu spüren.

Für die Autorin ist dieser Abend die erste Lesung aus „Daheim“ vor Publikum, bisher fanden nur Livestreams statt. Es ist eine Premiere im doppelten Sinne, denn auch die Umstände sind wohl einmalig – alle Besucher:innen sind in Decken, dicken Jacken und Mützen eingehüllt, mehrmals muss während der Lesung Wasser vom Zuschauerzeltdach gekippt werden.

Nach einem einführenden Gespräch beginnt Judith Hermann den Prolog aus ihrem Roman zu lesen, das Publikum hört gebannt zu. »Daheim« beschreibt den Weg einer Frau mittleren Alters, welche ihr früheres Leben hinter sich lässt und in einem Ort an der Küste versucht neu anzufangen. Es ist eine Geschichte über das Entwurzeln und Loslassen, die Suche nach Halt und die gleichzeitigen Angst davor, diesen zu finden.

Durch ihre Intonation und mitreißende Art zu lesen schafft Judith Hermann es, mit ihrer Stimme einen Bogen über den kleinen Graben zu spannen, welcher zwischen der Bühne und den zwei Zelten der Zuschauer:innen verläuft.

Nach einer Weile unterbricht die Autorin die Veranstaltung und schlägt eine Pause vor – das Regenprasseln auf den Zeltdächern übertönt mittlerweile fast ihre Worte. Doch auf Wunsch des Publikums liest sie weiter aus dem Prolog vor.

Wenig später gibt es wirklich eine Unterbrechung. Doch nachdem das Wetter ruhiger geworden ist, wird das Gespräch wieder aufgenommen.
Die allgemeine positive Stimmung ist ungetrübt, als die Besucher:innen am Ende im Regen über die aufgeweichte Wiese nach Hause gehen.

Beitragsbild: © Lina Eggert


Die Veranstaltung: Judith Hermann und Gregor Sander, Garten des Literaturhauses Leipzig, 26. Mai 2021, 19.30-20.45 Uhr


Das Buch: Judith Hermann: Daheim. S. Fischer Verlag 2021. 192 S., 21,60 €


 

 

Die Rezensentin: Lina Eggert

 

 

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