Ein jüdisches Testament muss literarisch vollstreckt werden

„Der Löwe Gottes“: Maren Friedlaender lässt in ihren Roman Fragmente der eigenen jüdischen Familiengeschichte einfließen.

© Gmeiner Verlag

Im ersten Satz beginnt die Geschichte einer Frau, die beim Lippenstiftkauf in einem Konsumtempel versucht, sich einen Farbakzent zu verleihen, um aus ihrer Mittelmäßigkeit auszubrechen. Dort trifft sie auf einen Mann, von dem sie noch nicht ahnte, dass er sie dazu ausgewählt hat, seine Geschichte aufzuschreiben.

Maren Friedlaender lässt ihre Protagonistin ihre Biografie recht unromantisch erzählen; es geht um ihre Familie, den Werdegang in der Kulturbranche und ihren Weg dahin, auf den sie sich von Männern mitnehmen ließ. Sachlich schildert sie ihre Affären, welche immer dann von ihr abgebrochen wurden, wenn die Männer anfingen, ihrer Karriere als Journalistin im Weg zu stehen. Nur einmal in ihrem Leben zeigt die Frau ohne Namen wahre Trauer — als ihre Mutter stirbt, weit weg in der Heimat.

Ariel, der sich selbst „der Löwe Gottes“ nennt, erzählt der Protagonistin sein Leben. Im Mittelpunkt stehen seine Frauen, sein jüdischer Großvater und die Verbrechen der Nazis. Zuerst sträubte sich die Frau davor, als sein Werkzeug missbraucht zu werden, willigte aber trotz gemischter Gefühle ein und reflektierte die Gegenseite, auf der ihre Eltern während des Nationalsozialismus standen.

Auschwitz ist bis heute ein höchst präsentes Thema, denn der Antisemitismus stellt noch immer ein verbreitetes Phänomen überall auf der Welt dar. Ariels Vater starb als Spion für die Briten in Deutschland. Die Bedeutung dieses Ereignisses wurde ihm erst im Erwachsenenalter bewusst — auf seiner Mission als Nazijäger für den Mossad. Als kosmopolitischer Jude entdeckte er Israel erst spät durch seine Familie und eine seiner Liebschaften, fand dort aber ein Gefühl der Zugehörigkeit zu seiner historischen Heimat.

Während der Reise in die Vergangenheit werden grausame geschichtliche Fakten aufgegriffen, wie der Eichmann-Prozess, Hannah Arendts „Banalität des Bösen“, Zeitzeugenberichte über Josef Mengele und den vermeintlichen deutschen Widerstand. Ein starkes Buch wie dieses kann unmöglich spurlos an Menschen vorübergehen.


Das Buch: Maren Friedlaender: Der Löwe Gottes. Gmeiner Verlag, Berlin 2020, 222 Seiten, 20 Euro, E-Book 14,99 Euro


Die Rezensentin: Margarita Korezkij

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.