Ein Interview mit Pappaufstellern

Boris Koch liest im Soziokulturellen Zentrum Die VILLA aus seinem neuen Jugendroman Das Camp der Unbegabten.

Freitagmorgens um 10 sitze ich mit 14 anderen Menschen – das verrät mir der Zählerstand unter dem Livestream – vor einem Bildschirm und schaue in einen fast leeren Raum. Ein bisschen Technik steht noch im Hintergrund, und irgendwo in der Mitte sitzt Boris Koch zwischen einem großköpfigen Iron-Man-Pappaufsteller und einer großen Zimmerpflanze. Koch stellt heute seinen neuen Superheldenroman vor, in dem kein Superheld die Hauptrolle spielt. Es gibt in der Geschichte zwar Menschen mit übernatürlichen Begabungen, aber der 13-jährige Bjarne gehört nicht dazu. Er wird von seinen Eltern, der Gesellschaft stark unter Druck gesetzt, und auch von sich selbst, denn er will unbedingt fliegen können. Doch statt ihm entwickelt sein bester Freund Luca eine Begabung und wird über Nacht zum Superstar. Bjarne probiert weiterhin viele Theorien aus, die ihm zu seiner Begabung verhelfen sollen. Nachdem er unter anderem von einer hohen Brücke springt, wird er in ein Sommercamp für Unbegabte geschickt. Dort soll er neues Selbstbewusstsein lernen und seinen Wert unabhängig von einer Begabung finden.

Im Anschluss an die Lesung aus den ersten Kapiteln gibt es eine Fragerunde. Die Fragen werden von Superhelden gestellt, genauer gesagt von Pappaufstellern in Form von Superhelden. So fragt Iron Man, ob Bjarne und Luca Freunde bleiben, und spricht damit eines der Spannungsfelder im Buch an. Darüber will Koch jedoch nicht viel preisgeben. Deadpool will wissen, ob die Begabungen unbedingt für Gutes eingesetzt werden müssen. Da die Begabten aber eher Stars als Helden sind, werden die Fähigkeiten sogar weniger für Gutes eingesetzt als für egoistische Zwecke der Selbstvermarktung. Dann gibt es wider Erwarten noch Fragen aus dem Livechat. Dabei kommt heraus, dass Begabungen sehr selten sind, dass Boris Koch selbst gerne Fliegen könnte, und dass Bjarnes Wünsche nicht klar vom Druck aus seinem Umfeld zu trennen sind. Mit einem vorfreudigen Ausblick auf die nächste Buchmesse endet die Lesung. Durch die fragenstellenden Pappaufsteller wird sie mir wohl noch eine Weile im Gedächtnis bleiben, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass man daraus noch mehr hätte machen können.

Beitragsbild: © Nina Gablunsky


Die Veranstaltung: Lesung von Boris Koch aus »Das Camp der Unbegabten«. Veranstaltet vom Thienemann-Esslinger Verlag im Soziokulturellen Zentrum Die VILLA in Leipzig. 28.05.2021, 10:00 Uhr. Aufrufbar auf Youtube.


Das Buch: Boris Koch: Das Camp der Unbegabten. Stuttgart: Thienemann Verlag 2021. 320 S., 16 Euro


 

 

Die Rezensentin: Nina Gablunsky