Ein gelungener Spagat zwischen Lesung und Stand-up-Comedy

Jakob Hein liest aus »Kaltes Wasser«.

Dies wird keine trockene Veranstaltung. Weder wortwörtlich noch im übertragenen Sinne. Das weiß man, wenn man Jakob Heins Roman »Kaltes Wasser« zuvor gelesen hat, und das sieht man, wenn man sich das Publikum anschaut. Die bevorzugten Getränke an diesem Abend sind Rotwein und Bier, letzteres stilecht aus der Flasche. Die gut hundert Sitzplätze im Saal der alten Schlosserei sind schnell belegt, so dass der Autor vor Beginn der Lesung noch selbst Klappstühle aufstellen muss. Aber auch jetzt müssen einige stehen. Hein und Moderator Max Rademann lassen sich hinter einem Tisch nieder. So richtig passt dieses Mobiliar jedoch nicht zur lockeren Atmosphäre im Saal. »Ich fühle mich wie im ZK«, sagt Hein und kurzerhand räumen er und Rademann den Tisch beiseite. Beifall und Lachen vom Publikum. Es wird nicht das letzte Mal an diesem Abend sein. Also dann, es kann losgehen.

Cover_Hein_Kaltes WasserDie eigentliche Lesung beginnt an dieser Stelle noch nicht. Warum auch, es handelt sich bei Rademann, Schriftsteller und Musiker, schließlich nach Aussage des Autors um seinen Wunschmoderatoren. Also vorher noch ein paar Fragen an den Moderator richten und dessen Lied »Jessica« anstimmen. Hein und Rademann verstehen es, eine Lesung mit Situationskomik aufzuheitern, was sicher nicht zuletzt an der Mitgliedschaft des Autors bei der »Reformbühne Heim & Welt« in Berlin liegt.

Beim Vorlesen ist ein schauspielerischeres Talent Heins nicht von der Hand zu weisen. Er erzählt lebhaft von Friedrich Bender, dem Protagonisten seines Romans, welcher sich bereits als Kind in der DDR mit kleineren und größeren Unwahrheiten durchs Leben mogelt. Er berichtet davon, wie Friedrich mit seinem Kumpel Jockel in der Nachwendezeit eine unangemeldete Kneipe in einem alten NVA-Bus betreibt, bis sie schließlich das Bezirksamt überführt. Dabei gibt der Autor den Figuren eine passende Stimme, spricht mal im tiefsten Berlinerisch den ehemaligen GST-Sektionsleiter Helmut Körner, dann den vollentspannten Dauerstudenten Jockel und die beiden Herren »Cordhose« und »Anorak« vom Bezirksamt Prenzlauer Berg auf Beamtendeutsch. Die kleinen Wortgefechte zwischen der Lesung und der gelegentliche Schluck aus Bierflasche und Weinglas von Autor und Moderator wirken nicht inszeniert und runden die insgesamt amüsante Atmosphäre ab.

Friedrich Benders Mogeleien funktionieren nur, bis ihn Mitte der Neunziger Jahre die neue Technik einholt. »Das Internet«, so Hein, »macht das Leben so langweilig«, weil man nicht mehr stundenlang über Dinge diskutiere, sondern immer alles gleich nachschlage. »Man hat gar nichts davon, alles zu wissen« fügt er augenzwinkernd hinzu.


Die Veranstaltung: Jakob Hein liest aus Kaltes Wasser, Moderation: Max Rademann, Alte Schlosserei, 18.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Jakob Hein: Kaltes Wasser. Galiani Berlin, Berlin 2016, 240 Seiten, 18,99 Euro, E-Book 16,99 Euro


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Die Rezensentin: Isabel Schieck

 


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