Ein feministischer Schnelldurchlauf im Krimikeller

Lesung mit acht Autorinnen des Herland-Netzwerks.

»Wir sind politisch, feministisch, antikapitalistisch, gegen Rechts, erfolgreich und antipatriarchal.« Mit diesen Worten stellt die Verlegerin Else Laudan das im letzten Herbst von den anwesenden Frauen gegründete Netzwerk »Herland« vor. Es will sich in die Kultur einmischen, mit einem »politisch scharfen, kritisch beleuchtenden Blick auf das System«. Herland hat sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit »feministischem Ansatz« aus den verschiedensten Bereichen des Literaturbetriebs zu vernetzen und ihrem »weiblichen Blick auf die Welt« eine Plattform zu bieten. Vereinzeltes Klatschen und Johlen begleitet die leidenschaftliche Anmoderation der Lesung, an der alle acht Herland-Gründungsautorinnen teilnehmen und bei der jede, so Laudan, machen darf, was sie will.

Merle Kröger liest zuerst und nimmt sich die Gestaltungsfreiheit zu Herzen. Kurzentschlossen kündigt sie ihre Entscheidung an, nicht aus ihrem eigenen, bereits von der »ZEIT« als »Krimi des Jahres 2016« ausgezeichneten Buch »Havarie« vorzulesen, sondern stattdessen aus dem 1993 erschienenen Roman »Kein Fremder Land« ihrer ebenfalls anwesenden Kollegin Doris Gercke. Die Protagonistin ist Schriftstellerin und das Buch handelt von den gesellschaftlichen Hürden, die sie in ihrem Beruf überwinden muss, aber auch von ihrer moralischen Verantwortung, über das zu berichten, was in der Welt passiert.

Die Krimi-Achterbahnfahrt hat begonnen. Dem Publikum bleibt dabei leider kaum Zeit, sich auf die einzelnen Autorinnen einzulassen. Zoë Beck liest mit rauer Stimme, mitreißend und beinahe wie eine Performance aus ihrem Roman »Schwarzblende« über ein islamistisches Attentat, gefolgt von Anne Goldmann, die uns mit ihrem weichen österreichischen Dialekt den ersten Mord beschert und eine Frau vom Dach schubst. Monika Geier schreibt über Menschen, die mit ihren Körpern hadern, Menschen, die »zu viel essen oder zu wenig«, und über Menschen, die einfach anders sind. Immer wieder wird laut gelacht.

Im Anschluss liest die südafrikanische Autorin Charlotte Otter aus »Karkloof Blue« über den einzigen männlichen Protagonisten des Abends und seine Liebe zu gesüßter Kondensmilch. Auch in Doris Gerckes »Schlaf, Kindchen schlaf« spielt ein Mann eine entscheidende Rolle. Der dicke nackte Schwede bringt nicht wenige Menschen im Raum dazu, ihre Köpfe in den Händen zu vergraben, während dieser sich im Grenzgebiet zwischen Thailand und Kambodscha die zehnjährige Nan kauft.

Gleich im Anschluss gibt die gebürtige Leipzigerin Anne Kuhlmeyer mit ihrem Roman »Night Train« ein Heimspiel und lässt ihre Protagonistin auf einem Bahnsteig im hiesigen Hauptbahnhof frierend auf den Pendlerzug nach Berlin warten. Zuletzt erkundet Christine Lehmann in »Allesfresser«, dem zwölften Band über die »gendermäßig oszillierende« Lisa Nerz, noch die »kriminelle Welt der Ernährung und des Essens« und lässt ihre Protagonistin bei einer Entenbrust in den Glaubenskrieg zwischen Allesfressern und Veganern eintauchen.

Nach acht Lesungen schwirrt der Kopf. Zum Abschluss soll aber jede der Autorinnen noch einmal auf die Bühne und etwas zu ihrer Motivation zur Gründung Herlands sagen. Dies erfordert einige Umbauarbeiten und ist dann für eine feministische Veranstaltung leider ungeschickt formuliert. Anstatt auf Geschlechterzuschreibungen zu verzichten, wirft Christine Lehmann ein: »Mal ehrlich, wir wissen doch alle, dass Männer besser Netzwerken können, deswegen brauchen wir auch unser Netzwerk«. Und auch der an diesem Abend häufig bemühte »weibliche Blick« auf die Dinge wird ohne weitere Erläuterung als erstrebenswerte »weibliche« Fähigkeit in den Raum gestellt. Aber die ursprünglichen Ideen hinter dem Netzwerk überzeugen natürlich trotzdem, nämlich Autorinnen im männerdominierten Genre der Kriminalliteratur zu fördern und traditionelle Narrative und Rollenbilder in Kriminalromanen abzuschaffen oder, um es mit Zoë Becks Worten zu sagen: »Raum zu erobern«.


Die Veranstaltung: Monika Geier, Zoë Beck, Merle Kröger, Anne Goldmann, Anne Kuhlmeyer, Charlotte Otter, Christine Lehmann, Doris Gercke: HERLAND – Feministischer Realismus in der Kriminalliteratur, Moderation: Else Laudan, Central Kabarett Krimikeller, 19.3.2016, 20 Uhr

Die Bücher:

  • Zoë Beck: Schwarzblende. Heyne, München 2015, 416 Seiten, 9,99 Euro
  • Monika Geier: Die Hex ist tot. Argument, Hamburg 2013, 363 Seiten, 12,00 Euro
  • Doris Gercke: Kein Fremder Land. Hoffmann und Campe, Hamburg 1993, 256 Seiten, 12,90 Euro
  • Doris Gercke: Schlaf, Kindchen, schlaf. Ullstein, Berlin 2004, 335 Seiten, 8,50 Euro
  • Anne Goldmann: Lichtschacht. Argument, Hamburg 2014, 256 Seiten, 12,00 Euro
  • Merle Kröger: Havarie. Argument, Hamburg 2016, 228 Seiten, 15,00 Euro
  • Anne Kuhlmeyer: Night Train. KBV, Hillesheim 2015, 271 Seiten, 9,95 Euro
  • Christine Lehmann: Allesfresser. Argument, Hamburg 2016, 256 Seiten, 12,00 Euro
  • Charlotte Otter: Karkloof Blue. Argument, Hamburg 2015, 288 Seiten, 13,00 Euro

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Die Rezensentin: Maja Mick

 


 

4 Gedanken zu „Ein feministischer Schnelldurchlauf im Krimikeller

  1. Okay, da steckt ein Arbeitsauftrag an HERLAND drin: Die Kritikerin vermisst eine Präzisierung des “weiblichen Blicks”, von dem wir mehrfach gesprochen haben. Zwar haben wir nicht eine gemeinsame Auffassung, sondern viele unterschiedliche, so wird auch hierbei ein vielfältiges Bild entstehen. Aber das Thema wird vertieft. Nämlich auf herlandnews.com. Und zwar sofort! Schon steht der erste Beitrag dazu online:
    http://herlandnews.com/2016/03/21/der-weibliche-blick/

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