Ein Einzelgänger im Kampf für die Freiheit

„Georg Elser in Deutschland“: Matheus Hagedornys beschäftigt sich in drei Essays mit dem Erinnern an und der Bewertung von Georg Elser.

Der am 4. Januar 1903 in Hermaringen/Württemberg geborene Johann Georg Elser wurde am 9. April 1945 in Dachau durch einen Genickschuss hingerichtet. In einem völligen Alleingang versuchte er am 8. November 1939, Adolf Hitler mit einer selbstgebauten Bombe, im Münchener Bürgerbraukeller, zu töten. Nach eigenen Aussagen wollte er den Krieg verhindern. Sein Attentat missglückte.

In seinen drei Essays legt Hagedorny sein Augenmerk auf drei unterschiedliche Gruppen und deren Erinnerungskultur. Der erste Teil beschäftigt sich mit der überraschend geringen Elser-Rezeption innerhalb der radikalen Linken. Der zweite Abschnitt zeigt die Perspektive der evangelischen Kirche in Bezug auf den gläubigen Elser und der dritte setzt sich mit der Betrachtung in der allgemeinen Gesellschaft auseinander. Dabei lassen sich die drei Essay in jeder beliebigen Reihenfolge lesen und ergeben im Zusammenhang ein facettenreiches Bild des Erinnerns, an einen Aktivist gegen die Gewaltherrschaft in der postnationalsozialistischen Gesellschaft. Es wird auch der Frage nachgegangen, warum Georg Elser erst sehr spät in die deutsche Erinnerungskultur integriert wurde.

Im ersten Essay „Individueller Terror – Georg Elser und die Linke“ wird erklärt, warum es der Linken bis auf wenige Ausnahmen, im Osten wie im Westen, schwer fiel, sich an Georg Elser zu erinnern. Dazu gegensätzlich wurde sonst der individuelle Terror, vor allem in Folge der proletarischen Rückbesinnung der 68er idealisiert, wo auch immer es möglich war. Die Analyse einer ideologisch überforderten Linken, die sich leichter auf Antikoloniale-Kämpfer à la „Che“ berief, als sich mit dem Einzeltäter Elser zu beschäftigen, dessen Ziel es war einen Krieg zu verhindern. Hier entfaltet Autor Hagedorny ab und an polemische Blüten, die dem Rest des Buches fehlen. Erfreulich ist, dass er hierbei keineswegs den wissenschaftlichen Anspruch seiner Sprache, verliert.

Der zweite Essay „Ein Attentat um Gottes willen – Über die Rolle des Christentums im Bürgerbrau-Attentat“ zeigt zunächst auf, dass Elser eher moralisch, als an kirchliche Doktrin gebunden, handelte. Warum die evangelische Kirche in Deutschland in ihrer Rezension ihrerseits, Elser als gedungenen Nazi-Agenten bezichtigte, wird von Hagedorny kritisch analysiert. Dieser Abschnitt ist mehr der ideologischen Aufarbeitung gewidmet und erklärt, warum die evangelische Kirche Elser wegen ihres eigenen Ideen-Gerüsts nicht akzeptieren konnte. Dabei nimmt Martin Niemöller einen zentralen Platz ein, da er bis zu seinem Tod und trotz anders lautender Beweise stets versuchte, Elser zu verleugnen. Alles in allem, ist dieser der wohl schwächste Teil in Hagedornys Buch, auch wenn es eine interessante Herausarbeitung ist, wie reaktionär die Kirche auch in ihren nichtfaschistischen Teilen war. Sein Resümee ist etwas zur kurz gekommen, was den Sprung zum Jetzt plötzlich wirken lässt. Sprachlich fehlen hier die beißende Polemik des ersten Teils und auch die Gesellschaftskritik kombiniert mit kräftiger Wortwahl des dritten Teils.

Dieser dritte Essay: „Im Reich der Mitte – Warum Georg Elser heute kein Vorbild sein kann“ beschäftigt sich mit der Frage, warum Elser erst so spät in den Kanon der deutschen Widerstandskämpfer aufgenommen wurde und auch heute noch aneckt. Es wird nicht nur Wolfgang Schäubles Rede zur Einweihung einer Büste Elsers 2008, sondern vor allem der spätere Historikerstreit, ausgelöst von Lothar Fritze, beleuchtet. Der seit 2001 zweijährig vergebene Georg-Elser-Preis erhält eine ideologiekritische Betrachtung. Dieser Teil glänzt durch eine gute verständliche Wissenschaftssprache. Hier besticht Hagedorny durch seine klare Kritik an den jetzigen gesellschaftlichen Verhältnissen und verdeutlicht dabei die Diskrepanz zwischen den materialistischen und moralischen Ansprüchen.

Alles in allem lässt sich sagen, dass dieses Buch lohnenswert ist. Ein Interesse an einen lang vergessenen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus vorausgesetzt. Hagedornys Sprache macht Freude und in seinen Analysen zur Erinnerungskultur verdeutlicht er gesellschaftliche Verhältnisse und die bis zum heutigen Tag existierenden Schwächen in den Weltvorstellungen, der untersuchten Gruppen.


Das Buch: Matheus Hagedorny: Georg Elser in Deutschland. Ça ira-Verlag, Freiburg 2019, 126 Seiten, 12 Euro


 

 

 

Der Rezensent: Janosch Radici

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.