Ein anderer Osten

Keine echten Antworten, keinen altbekannten Mainstream und vor allem keine politische Korrektheit präsentiert Moritz von Uslar in „Nochmal Deutschboden“ – das allerdings äußerst erfolgreich.

© Kiepenheuer & Witsch

Ein zweiter Teil steht immer unter besonders kritischer Beobachtung. Wenn Moritz von Uslar aber in die brandenburgische Kleinstadt Zehdenick zurückkehrt, die er bereits vor zehn Jahren zum ersten Mal einer umfassenden „teilnehmenden Beobachtung“ unterzogen hat, dann sind die Vorzeichen völlig andere.

Denn in der Zwischenzeit ist das Land ein anderes, der Ton rauer und die Geschichten härter geworden; ein „politisches Buch“ müsse es also werden. Der Reporter, so bezeichnet sich Uslar im Buch selbst, findet jedoch einen ganz eigenen Weg, die Geschichte des Ostens zu erzählen. Im typischen Uslar-Stil geprägt von Einschüben, wenn auch kurzen, und Klammern (zur Kommentierung), führt er den Leser unmittelbar ins Provinzgeschehen ein.

Die Begegnungen mit einzelnen Charakteren haben teilweise Längen; besonders spannend wird es aber immer dann, wenn verschiedene Personen mit ihren ganz eigenen und unterschiedlichen Biografien aufeinandertreffen. Denn dann ergeben sich direkte Konfrontationen, vor allem aber entstehen überraschend konstruktive Politikvorschläge, die nicht in ein klassisches Rechts-Links-Schema einzuordnen sind.

Von Uslar spielt ganz bewusst mit (s-)einem fragwürdigen Männlichkeitsgehabe, aber auch die Charaktere sind, abgesehen von wenigen Ausnahmen, alle männlich und zeigen dies auch ganz gerne. Zusätzlich verordnet er sich eine „Prenzlauer-Berg-Naivität“ und will bewusst manche Dinge einfach nicht verstehen. Äußerst interessant ist auch der so komplizierte Umgang mit der, wie er schreibt, „saudummen“ AfD. Er versucht sich gar nicht erst an einer soziologischen Einordnung; von Uslar will nicht zu all denen gehören, die sich 2019 genötigt fühlten, den Osten erklären zu wollen. Er lässt sprechen, wertet aber nicht umgehend, sondern lässt den Leser mit teils erschreckenden Parolen wie „Was da draußen schon wieder für ein Gesindel unterwegs ist, wa?“ zurück.

Vielleicht liegt darin aber auch der Schlüssel, warum der zweite Band so gelungen ist. Von Uslar verzichtet vollständig auf den Anspruch der politischen Korrektheit, der Allgemeingültigkeit und Objektivität. Er erzählt aus seiner persönlichen Perspektive, nimmt sich dabei aber nie zu wichtig und lässt gerade deshalb die zahlreichen alten und neuen Protagonisten zu Wort kommen und zeigt, dass jede Meinung, so fragwürdig sie inhaltlich auch sein mag, es weiterhin wert sein sollte gehört zu werden. Denn die, so von Uslar, „anders Fertigen“ haben mehr zu sagen, als man im Prenzlauer Berg denken mag.


Das Buch: Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2020, 336 Seiten, 22 Euro, E-Book 18,99 Euro


 

 

 

Der Rezensent: Moritz Mahltig

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