»Du nennst es Programmieren, wir nennen es Rock’n’Roll«

Julia Hoffmann und Natalie Sontopski laden ein auf eine Reise durch Codes, Bits und Bytes.

Der Techniker Moss aus der britischen TV-Serie »The IT Crowd« ist ein Nerd, wie er klischeehafter nicht sein könnte: sozial inkompetent, aber im Umgang mit Computern genial und stets in Begleitung seiner hässlichen Pullunder – ein längst überstrapazierter Gemeinplatz und damit ein Bild, das Julia Hoffmann und Natalie Sontopski keinesfalls bestätigen. Die beiden sind Initiatorinnen des Leipziger Projekts »Code Girls«, bei dem sich Mädchen und Frauen alle zwei Wochen zu Coding-Workshops treffen. Und beide haben gerade das Buch »We love Code« veröffentlicht, das sie bereits im Vorfeld der Buchmesse in der Rumpelkammer vor einem bunt gemischten Publikum vorstellen. Der Name der Bar im Leipziger Osten bringt es auf den Punkt: Flohmarktfunde, Kuriositäten und zusammengewürfelte Sessel machen die Atmosphäre fast wohnzimmerartig – rumpelig, aber gemütlich. Das Motto des Buches »Du nennst es Programmieren, wir nennen es Rock’n’Roll« spürt man in jeder Minute der Lesung. Die Stimmung ist gelöst und heiter – von anfänglichen Tonproblemen lassen sich Hoffmann und Sontopski nicht aus der Ruhe bringen.

Hansen_Cover We love Code_2016-03-12

Stattdessen präsentieren die Autorinnen stilecht mit einer rauen Menge an GIFs einen kurzen Abriss der Geschichte des Programmierens. Der Abakus, die Anfänge des Binär-Codes und die Entwicklung der Lochstreifen stellen Meilensteine in der Programmiergeschichte dar. Und um ein für alle Mal mit dem Klischee des IT-Nerds aufzuräumen, stellen sie dem Publikum auch gleich ein paar der wichtigsten Pioniere in der Computergeschichte vor. So beschäftigte sich Ada Lovelace, die Sontopski als »das Partygirl des viktorianischen Zeitalters« bezeichnet, statt zu nähen oder zu musizieren viel lieber mit Mathematik. Hedy Lamar war neben ihrer Hollywoodkarriere auch als Forscherin aktiv und wurde als Entwicklerin der Frequenzsprungtechnik zur Mutter des WLAN. Heute noch populär ist Steve Wozniak – laut Sontopski »sowas wie ein Hacker-Hippie«.

Neben den Schlüsselfiguren der Computergeschichte bekommen auch Programmiersprachen ihren Auftritt: Sontopski und Hoffmann sprechen so liebevoll über C, PHP und Brainfuck, dass man als Zuhörer sofort anfangen möchte, eine der vielen Sprachen zu erlernen – zum Beispiel Ruby on Rails, »eigentlich die hippste Sprache momentan«. Wer sich nicht entscheiden kann, der macht den eigens von den Autorinnen für das Buch entwickelten Psychotest in BRAVO-Manier.

Natalie Sontopski spricht über die Liebe zum Programmieren. © Lina Hansen
Natalie Sontopski spricht über die Liebe zum Programmieren. © Lina Hansen

Zum Ende werden etwas ernstere Töne angeschlagen. »Die analoge und digitale Welt können nicht mehr getrennt werden«, mahnt Hoffmann. Der Passwort-Skandal »Heartbleed« gehe alle an – ebenso wie die Diskussion um Befugnisse der NSA, iPhones auszuspähen. Zur gesellschaftspolitischen Relevanz gehört auch die Frage, ob ein Algorithmus rassistisch sein kann: Gibt man in die Google-Suche das Wort »Hände« ein, werden einem hauptsächlich Hände mit weißer Hautfarbe angezeigt. Wer also aktuelle politische Entwicklungen verstehen oder sogar mitbestimmen möchte, kommt in vielen Fällen nicht um ein grundsätzliches Verständnis von Codes herum. Dafür sind keine tiefgreifenden Programmierkenntnisse notwendig – aber etwas Interesse für Bits und Bytes allemal. Die Grundlage dafür haben Hoffmann und Sontopski mit »We love Code« bereits geschaffen.


Die Veranstaltung: Julia Hoffmann und Natalie Sontopski präsentieren We love Code! Das kleine 101 des Programmierens, Rumpelkammer, 12.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Julia Hoffmann und Natalie Sontopski: We love Code! Das kleine 101 des Programmierens. Koehler & Amelang, Leipzig 2016, 192 Seiten, 16,95 Euro


Hansen_Profilbild_2016-02-08

 

 

Die Rezensentin: Lina Hansen

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.