Dreier im Lotto

Zu Till Müller-Klugs „Die Minusmenschen“.

Kinderkriegen ist schwer: Das weiß man in hundert Jahren offenbar mehr denn je, wenn es nach Till Müller-Klug geht. Um dem gemeinen Liebespopulisten also Zeugungsgeschäft und Kollektivbefruchtung einfacher zu gestalten, bedient man sich in dieser utopischen Zukunft nicht mehr des Zufalls. Längst bestimmen mathematisch veranschlagte Algorithmen entsprechende Elternteile. Dass Müller-Klug selbst um das Kerngeschäft seiner Schauspielarbeit bestens bescheidweiß, hat er in ähnlichen Weissagungen der Folgezeit bereits bewiesen: Man denke an „Callcenter übermorgen“, „Müllermatrix“ oder „Preenacting Europe“, denen aber im Gegensatz zu „Minusmenschen“ ein durchaus schwieriges Kunststück gelingt, wenn sie zugunsten einer grundsätzlichen Aussage davon ablassen, allzu viele Fragen zu stellen. Denn „Die Minusmenschen“ bringt nichts auf den Punkt, und stellt vieles infrage. Mehrmals.

Im Treiben der namenlosen Protagonistin steht neben familiären, sozialen und psychischen Erschwernissen, Fragen des Geldes, der Liebe und Karriere plötzlich der Wunsch nach einem ganz eigenen Racker auf dem Plan. Bis so einer jedoch geboren ist, will Zeit vergehen, und davon hat man im Jahre 2100 nicht besonders viel. Glücklicherweise gibt es in dieser Anything Goes-Zukunft irgendeinen mehr oder minder vermögenden Arzt, der ein Geschäftsmodell darin sieht, Elternwahrscheinlichkeiten zu berechnen, und macht „Sie“ gleich zur Verbündeten. Was als Monolog beginnt und später abwechselnd sowohl lyrisches „Du“ als auch (ebenso durchaus lyrisches) Zukunftskind anspricht, entwickelt sich zu einer Makro-Opera der weiblichen Verunsicherung im Schatten maskuliner Potenzen aller Art: Und dazu gehören eben auch Technik, Aufstieg und Profit. Wenn „Sie“ zu Beginn noch mit einem Eisbären tanzt, mag man das amüsant finden. Nach dem dritten Chor der „Minusmenschen“, also all jener ungeborener Kinder, die „Sie“ auf dem Gewissen hat („frozen dreams“, singen die Kleinen), nutzt der schönste Slapstick vor gefrorener Kulisse nicht mehr, um ein müdes Schulterzucken zu verhindern.

Dass der Zuschauer ein wahrhaftiges Kind niemals überhaupt zu sehen bekommt, sei an dieser Stelle eine geschenkte Pointe. „Ihr“ Kindeswunsch leidet kaum mehr an den üblichen Unsicherheiten eines Menschen der modernen Zeit. Müller-Klug verpasst hier mit Verve den Sprung in tiefe Gefilde: Intimer wird das Stück mit Sicherheit nicht, bloß weil ich jedes dieser kleinen Problemchen schon mal irgendwo gehört habe. Auch all die stilistischen Eigenheiten der gerade so gelungenen Regieumsetzungen kommen niemals zutage, wenn mit Motivistik nur so um sich geworfen wird. Denn es reicht wohl kein Eisbär, kein gnadenloser Geschäftsmann, die „Minuskinder“ vor eisigem Dekor; nein, es braucht noch Pelz, Kühlschränke und Arztkittel auf frostblauem Samtvorhang. Gepaart mit dem scheinbar endlosen Lager an Fundstücken neumodischer Streitfragen Müller-Klugs rutscht „Die Minusmenschen“ schnell vom großen Fragezeichen zum kleinen Semikolon; kommt da noch was?

Spannend, wenn auch letztlich enttäuschend, bleibt es trotzdem. Die Schauspielriege aus Julia Berke, Michael Pempelforth und Brian Völkner holt das Möglichste aus ihrer Funktion. Vor allem Berke kann hier in einer Doppelrolle aus Businesswoman und „Woman-Woman“ überzeugen. Ihre Videotagebücher an das ungeborene Kind sind entzückend, die kleinen Ausraster, die stillen Weilchen dazwischen – hier entfernt sich das Stück von seiner überbordenden Mittelmäßigkeit, die es sich selbst auf die Kappe zu schreiben hat, weil kaum ein Element utopischer Problemhaftigkeit unbehandelt bleibt. So ist „Minusmenschen“ eben kein Volltreffer, aber auch keine Niete, sondern ein fleischgewordener Dreier im Lotto. Was hoffnungsvoll beginnt, lässt irgendwann niemanden mehr aufhorchen.


Die Minusmenschen
von Till Müller-Klug
Regie: Steffen Klewar, Bühne und Kostüm: Silke Bauer, Musik: Lenard Gimpel, Video: Ian Purnell, Dramaturgie: Katja Herlemann
Mit: Julia Berke, Michael Pempelforth, Brian Völkner
Dauer: 90 Minuten


Der Rezensent: Martin Dacovic

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