»Don’t buy that stuff!«

Wie der Handel mit illegalen Kulturgütern unsere Geschichte zerstört.

»Die Wüste wirkt wie der Ort eines Massakers aus längst vergangenen Zeiten. Überall menschliche Knochen. Schädelplatten, Oberschenkel, Rippenbögen, achtlos übereinander geschaufelt. Dazwischen Tuchfetzen – Reste von Bandagen, mit denen einst die Mumien umwickelt waren. Mal ein kleines Stück bemaltes Holz, eine Tonscherbe.«

Mit dieser und ähnlich erschütternden Beschreibungen aus seinem Buch »Das schmutzige Geschäft mit der Antike« verursacht Günther Wessel bei den interessierten Zuhörern Kopfschütteln.

Günther Wessel. © Alexandra Schmidt
Günther Wessel. © Alexandra Schmidt

Wessel führte seine Arbeit als Journalist und Autor für diverse Reiseführer bereits in viele Länder wie die USA oder Argentinien. Bei einem Aufenthalt in Brüssel sind ihm neben den zahlreichen Geschäften, in denen man die berühmte Schokolade erwerben kann, auch die Antikenläden aufgefallen. Diese verkaufen eben keine Antiquitäten, sondern Antiken, Artefakte, die aus der Zeit vor oder kurz nach Christi Geburt stammen. Er stellte sich die Frage, woher diese riesige Menge stamme. Und so begannen seine Nachforschungen, die ihn in weitere Länder führen sollten und ein unfassbares Maß an Kriminalität enthüllten.

Illegale Kulturgüter sind ein lukrativer Markt für alle, vom Raubgräber über den Schmuggler, Händler, und das Auktionshaus bis hin zum Sammler und sogar das Museum. Sei dies nun aus reinem Überlebenswillen der Räuber in Ägypten und Syrien oder aus Habgier und Renditeinteresse der Händler und Sammler. Doch auch der Preis ist hoch. Die Kinder, die in die engen und tiefen Grabungsschächte krabbeln müssen, verlieren ihr Leben und der Rest der Menschheit verliert die Chance wichtige Informationen über die eigene Vergangenheit zu erhalten.

Wessel beleuchtet die Kette des illegalen Handels. Es gibt dabei keinen alleinigen Schuldigen, denn die Kette funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Wenn auf einer Auktion eine Rekordsumme für ein nicht einmal Zehn Zentimeter großes Artefakt geboten wird, treibt das alle Kettenglieder an, ihren Anteil zu haben. Das Buch lebt von den dazu passenden Geschichten.

Da ist z.B. der Medienmanager, der sich auf einer Reise bei Nacht eine Grabplatte in Syrien aussucht oder auch das amerikanische Museum, dass sich nur wenig um die authentifizierte Herkunft eines Stückes schert oder sie vielleicht sogar selber herstellt. Dies ist im Grunde das Hauptthema des Buches und der Lesung – die Herkunft oder auch Provenienz. Sie taucht immer wieder auf. Eine gesicherte, glaubwürdige und durchgängige, seit Fund belegbare Provenienz gibt es kaum. Die restlichen Artefakte sind ohne Papiere bereits vor Jahrzehnten oder noch länger aus dem Herkunftsland verbracht worden, als es noch keine gesetzlichen Restriktionen gab.

Oder zumindest wird dies so angegeben. In den Interviews, die er mit zahlreichen Archäologen, Bundeskriminalbeamten, Museumsdirektoren usw. geführt hat, zeigt sich ganz deutlich, wie schwer es ist dagegen anzukommen. Vor allem, weil die Fahnder den Tätern zahlenmäßig mehr als unterlegen sind und letztere sich durch zu schwache Gesetze sicher fühlen.

Wie kann man den Handel mit illegalen Kulturgütern bekämpfen? Wessel findet mehrere Ansätze. In der Lesung betont er noch einmal, dass der für ihn sinnvollste nicht in härteren Gesetzen liegt, sondern er sagt: »Man muss bei dem Bewusstsein der Käufer anfangen.« Es muss gesellschaftlich genauso verpönt sein eine Antike im Wohnzimmerregal zu haben, wie einen Pelz im Schrank. Aber auch das ist nicht leicht, denn das Thema spielt in den Köpfen der Menschen nicht die Rolle, die es verdient hat. Das zeigt nicht zuletzt die viel zu überschaubare Besucheranzahl, welche der Autor und sein Buch nicht verdient haben. Wir müssen uns bewusst werden, dass mit dem Fundort auch sein Kontext und damit viele Informationen verloren gehen, die eben keinen monetären Wert haben. Archäologie dient nicht dazu Museen und Sammlungen mit Prunkstücken zu füllen. »Archäologie [ist] eben mehr als Schatzsuche. Mehr als die Sensation, mehr als Indiana Jones.«


Die Veranstaltung: Günther Wessel liest aus Das schmutzige Geschäft mit der Antike, Moderation: Patrick Oelze, Grassi Museum, 17.3.2016, 18.30 Uhr

Das Buch: Günther Wessel: Das schmutzige Geschäft mit der Antike. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, 184 Seiten, 18 Euro


 

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Die Rezensentin: Alexandra Schmidt

 

 

 


 

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